Er wollte sich entstricken von den Erschütterungen der letzten Tage, zu dem neuen Leben in möglichster Einsamkeit sich vorbereiten, und mit heimlichen, wenn auch melancholischen Empfindungen richtete er sich in dem Stübchen ein, das er seit Jahren zu bewohnen pflegte — still, abgelegen, mit der Aussicht auf den Garten, für ihn ein erinnerungsreicher Boden und ganz geeignet zum Rückgang in frühere Zeiten, zum Ueberdenken des Erlebten und zum Ausreifen neuer Entschließungen. — —
Es ist nicht meine Absicht, den Verkehr Heinrichs mit den Seinen und mit den guten Freunden, deren er in dem Geburtsorte besaß, näher zu schildern. Auch die letztern nahmen lebhaft Partei für ihn, und manche scharfe Bemerkung fiel über das weibliche Geschlecht überhaupt, wogegen aber eben der Geschädigte zu protestiren pflegte.
Er genas, wenn auch langsam und ohne den fröhlichen Sinn und schönen Muth früherer Tage wiederzufinden. Zuweilen sprach er sich über Auguste und ihr Verhalten in einer Art aus, daß man schließen mußte, er sehe in der Lösung des Bandes ein für ihn unter allen Umständen günstiges Geschick. Dann erblickte man ihn aber doch wieder in Aufregung, Verwirrung und Betrübniß. Die Mutter, die am innigsten mit ihm fühlte, tröstete ihn in solchen Momenten und meinte: er werde schon die Rechte noch finden! Wenn er dann eigen seufzte und die Achsel zuckte, ruhte sie nicht mit erheiternden, ja schmeichelnden Reden, bis seine Mienen sich wieder aufhellten. Einmal entgegnete er der Trösterin mit Ernst: „Wer eine Erfahrung gemacht hat, wie ich, der findet nicht leicht den Muth zu einer neuen Unternehmung. Wenn man einem Scheinbild nachjagt, sieht man sich am Ende nicht nur getäuscht, man hat vielleicht gerade das wahre Glück, das man erlangen konnte, thöricht versäumt und auf immer verloren! — Nun,“ setzte er mit leisem Lächeln hinzu, „immer bleibt mir ja eine Mutter, die mich liebt, wie ich sie liebe — und die mir nie untreu werden wird!“ — „Das schon,“ erwiederte die Gute. „Aber das ist nicht genug! Für dich nicht, und für mich auch nicht!“
Unser Freund scheute sich, den Eltern eine letzte Eröffnung zu machen. Er gab sich den Gefühlen hin, die sich in ihm erzeugten, rechnete mit sich selbst und lebte ein Leben stiller Erwägungen.
Ungefähr acht Tage nach seiner Heimkehr schrieb er an den ihm so freundlich gewogenen Rector der Handelsstadt einen Brief, der uns den besten Blick in den Zustand seines Herzens thun läßt. Er hatte nicht die Stimmung gefunden, den eben so braven und heitern wie gelehrten Schulmann noch zu besuchen; aber durch die Nachricht, die ihm Hanna mitgetheilt, war die Achtung, die er immer gegen ihn empfunden, so vermehrt worden, daß es ihm jetzt eine wahre Genugthuung verschaffte, gegen ihn mit aller Offenheit sich auszusprechen. Die Hauptstellen lauteten:
„Es ist sonderbar, welche Erfahrungen wir armen Sterblichen machen und immer wieder machen. In gewissen Dingen werden wir nicht nur nicht durch den Schaden Anderer klug, sondern auch nicht einmal durch unsern eigenen. Immer wieder täuschen wir uns — weil der Trug so lieblich ist und ein tiefes, glühendes Verlangen der Seele stillt!
Wie viel ist über die Liebe gesagt und gesungen! — und noch immer ist nicht recht in’s Licht gesetzt, daß es zweierlei Liebe, zwei grundverschiedene Arten von Liebe gibt. Unterschieden sind sie wohl; aber nicht mit völliger Gerechtigkeit und siegreicher Klarheit. Die eine ist reizender, bestrickender gemalt wie die andere; und wenn diese auch als die bessere hingestellt worden ist, so fühlt man aus dem Bilde das Pflichtgefühl des Malers, nicht die reine, selige Begeisterung heraus. Was er erhöhen wollte, fand nicht auch die wahre höhere Schönheit und muß dem Zauber weichen, der unwillkürlich in die Spiegelung des Geringern gekommen ist.
Wir lieben am Weib die äußere Erscheinung, den Schein — und der Schein trügt. Es gibt eine Schönheit des Leibes, der keineswegs eine Schönheit der Seele entsprechen muß. Die Seele hat wohl eine Fähigkeit zur Schönheit, aber nicht so viel, daß sie schön seyn, sondern nur, daß sie (wie unsere Sprache so treffend sagt) schön thun kann. Auch die Seele ist also mehr zum Schein als zum Seyn ausgestattet, und mit dem Schein täuscht sie uns; sie erscheint uns so, daß wir uns selber täuschen, indem wir das bloße So-Thun für Seyn und Wahrheit nehmen, und nun triumphiren, als ob wir die schönste Wahrheit selber gefunden.
Ja wohl: edlen Sinn, treue Liebe, aufopfernden Muth blicken die leuchtenden Augen und strahlt das erröthete Angesicht! Aber im Innersten lebt das klare, kalte, berechnende Ich, das frei ist gegen die Affecte und sich vorbehält, diese zu bestätigen oder zurückzunehmen, je nach Befund. Davon merken wir aber nichts, wir von dem schönen Doppelschein Betrogenen! Was uns so außerordentlich hold anspricht, das muß nothwendig wahr seyn! Die Liebe, die mit so wunderbarem Feuer aus den Augen in unser tiefstes Herz einglüht, kann nur eine ewige seyn! Und nun erhebt sich unsere Liebe mit doppelter und dreifacher Macht, in dankbarer Rührung schmelzen wir und durch keine Verherrlichung glauben wir der Bewunderten genugthun zu können. Was wir an lieblichen und edeln Eigenschaften nur zu denken vermögen, sehen wir in ihr — tragen es über in sie und sehen es wirklich und gewöhnen uns daran: das Weib steht als eine Göttin vor uns, an der alle Wandelung des Lebens nur ein Schönerwerden seyn kann!
Was haben wir für Mittel gegen diese vereinten Täuschungen? Gegen die Magie, die wir wollen und miterzeugen, weil sie uns beseligt? Es gibt nur Ein wirksames: die Enttäuschung durch die That, — durch den thatsächlichen Schaden, den thatsächlichen Schimpf und das Herzeleid! — —