Dichterische Seelen dürfen doch vielleicht auf Entschuldigung rechnen, wenn sie der Blendung erliegen! — Der Dichter muß gut seyn, er muß Glauben und Liebe haben; denn er soll in Schönheit führen und idealisiren Alles, was er sieht, — und dazu muß er schon Alles liebevoll und schön sehen. Der Dichter treibt nur sein Metier, wenn er verschönert und gläubig preist und liebevoll verherrlicht; darum ist er auch so sicher dabei und erlangt am schwersten den Scharfblick, der hinter den Blumen der äußeren Lieblichkeit die Schlange der Selbstsucht wahrnimmt. Ihm muß der wirkliche Sachverhalt unerbittlich ad oculos demonstrirt werden, sollen es nicht länger Augen seyn, die sehen ohne zu sehen! — Aber auch dann — der Zauber, an dem er so lange gehangen hat, wirkt noch immer! Bilder ehemaligen Glücks umgaukeln den Beraubten, Sehnsuchtgepeinigten; der schöne Schein glänzt in unwiderstehlichen Reizen, und tiefstes Leid erfüllt seine Seele, daß er verlieren soll, was er zu höchster Seligkeit erlangen wollte und in entzückenden Träumen schon als erlangt sich vorgespiegelt hat! — —

Doch, verehrter Freund, hier thu’ ich mir selber Unrecht. Regungen dieser Art hab’ ich freilich; aber doch nur selten, und ich verstehe ihnen zu antworten und sie abzuweisen. Die Wahrheit, die wahre Schönheit, die Schönheit der Seele leuchtet mir in siegendem Glanz; ich sehe sie immer schöner, und ihr heiliger Zauber entkräftet den unheiligen, der die Schwäche bestrickt hat. Wenn sie vor mir lebendig wird, dann erbleichen die Farben der täuschenden Erscheinung und diese gewinnt durch ihr erkanntes Wesen ein mißtöniges Licht, das die letzten Sympathien im Herzen tilgt.

Was gibt es Lieberes, als ein ehrliches Herz? Was gibt es Holderes als die Güte, die darnach trachtet, daß sie Freude mache und Hülfe leiste, und die keinen andern Lohn will, als das frohe Gesicht des Beglückten? Was gibt es Schöneres und Rührenderes, als die Großmuth, die sich selber beraubt, um Andere zu bereichern? Was gibt es Himmlischeres, als den Blick aus dem Aug eines Weibes, deren innerstes Wesen Güte, Großmuth ist? O, neben diesem Blick erscheint der süßeste, dessen die Sirene in Momenten der Rührung fähig ist, oberflächlich und machtlos! Dort nur sehen wir in den Himmel, in heilig holdes Leben; wir fühlen uns unendlich heimlich und gesichert, unser Gefühl beglückt uns nicht nur, es erhöht und weiht uns, und nicht nur selig, sondern mit der Besten selber gut und edel geworden erblicken wir die Gestalt und Alles, Alles an ihr in dem Licht ewiger Schönheit!

Hat es solche Frauen nicht gegeben? Und Gott sey Dank, es gibt noch solche! Es ist keine poetische Täuschung, wenn wir von Frauen reden, die Engel sind! Sie wandeln auf Erden, diese schönen Wesen, sie erweisen sich, und wehe dem Stumpfsinnigen, der nach thatsächlichem Erweis ihre himmlische Güte noch bezweifeln könnte!

Die That und die Bewährung durch die That, daran erkennt man sie. Denn sie geben sich nicht immer das Ansehen ihres innern Wesens und lieben es nicht selten, den Adel ihres Denkens und Fühlens hinter Scherz und Spiel zu verstecken. Es gibt ernste Heilige auf Erden; aber es gibt auch heitere, die sich in lieblicher Laune gefallen und deren gütige Seele, wenn sie sich offenbart, nur um so rührender erscheint.

Menschen haben ihre Schicksale. Das meine war, von dem Schein getäuscht und betrogen zu werden. Hab’ ich mich dadurch eines ehrlichen Herzens unwerth gemacht, so muß ich’s dulden. Aber Ein Vortheil — Ein Ersatz ist mir doch geworden: ich habe die wahre Schönheit erkennen lernen auf Grund der falschen, und mein Herz lodert in Liebe zu Dem, was ewig liebenswerth ist.“

Zwei Tage darauf erhielt er von dem alten Herrn das Antwortschreiben:

„Aequam memento rebus in arduis
Sevare mentem!

Diesen alten Spruch, mein lieber Freund, ruf’ ich Ihnen zu, damit Sie ihn beherzigen, wie’s noth thut! Aus Ihrem freundlichen und dichterischen Brief hab’ ich zu meiner großen Beruhigung ersehen, daß Sie sich über den Verlust der schönen Werthlieb fast schon getröstet haben. Fahren Sie fort und bringen Sie es dahin, daß Sie sich zu diesem Ende Glück wünschen. Sie hat uns Alle getäuscht, und auch ich hab’ mich zu schämen, daß ich sie, weil sie schön war und in ihrer stolzen Ruhe etwas Klassisches hatte, für gut gehalten. Ja, ja, der Mammon! — Mir will vorkommen, als ob er noch nie so der Gott der Welt gewesen wäre, als gerade in unsern Tagen! Alles hält man jetzt für unsicher, nichts erweckt mehr Vertrauen im Herzen der Menschen, als Geld und Gut. Man stellt sich vor, was man Alles dafür haben kann, und trachtet immer nach mehr, ohne zu bedenken, daß man doch nur äußere Dinge dafür eintauscht, welche sehr häufig auch schädlich sind, und daß man oft nicht nur die Tugend, sondern auch die edelsten Freuden dafür hingibt. Aber das sind nugae für die jetzige Zeit. Was die Moralisten aller Jahrhunderte, Philosophen und Poeten des Alterthums so schön und überzeugend gelehrt haben: daß das wahre Glück in der Tugend bestehe, damit kann man heutzutag nur noch den Spott auf sich ziehen. Wo will die Welt hin, mein lieber Freund? Und wird sie auf diesem Wege, der aus der Bildung heraus in die Rohheit führt, endlich Halt machen und zur Vernunft und edlen menschlichen Denkart umkehren?

Thätigkeit, Maß und gute Laune, das erhält uns jung, es verschafft uns den Boden in der Welt, den wir brauchen, und verheißt uns ein glückliches Alter. Mit großer Freude hab’ ich von Ihrem guten Erfolg auf der Bühne gelesen. Sie sind doch schnell zum Zwecke gekommen, und das beweist mir, daß das Drama das Fach ist, auf das Sie mit Ihrem Talent vorzüglich angewiesen sind. Cultiviren Sie es, und versäumen Sie dabei nicht, die alten Autoren zu studieren, Griechen und Römer! Sie wissen, ich bin kein Pedant und setze die Alten nicht unbedingt über die Neuern, weil ich in ihnen zu Hause bin und meine liebsten Freuden aus ihnen schöpfe. Aber lernen kann man sehr viel aus ihnen; und mich will bedünken, als ob man sie gegenwärtig besonders auch zum Vortheil der dramatischen Dichtung studieren sollte. Man ist zu bunt geworden im Drama, wie mir scheint, — man bringt zuviel Stoff und verliert über den Effecten den Effect. Ein Streben nach größerer Concentration und Harmonie thut den jetzigen dramatischen Autoren noth; und wo finden sie da herrlichere Muster, als es die großen Tragiker der alten Griechen sind, deren einer jetzt sogar wieder von unsern Bühnen herab die Herzen erschüttert?