Ihnen, mein lieber junger Freund, wird das Studium der Alten noch ganz besonders ersprießlich seyn; denn Sie — nehmen Sie mir’s nicht übel! — verrathen noch immer zu viel Ueberschwänglichkeit! Die Vergötterung eines Weibes hat Ihnen Kummer eingetragen; und nun scheinen Sie mir doch wieder nach einer andern Seite hin vergöttern zu wollen, phantasiren sich Engel in Menschengestalt, und sind in Gefahr, sich eine neue Enttäuschung zu bereiten. Freilich gibt es engelgute Frauen; aber auch diese bleiben immer menschliche Wesen mit verschiedenen menschlichen Eigenschaften, die mit dem Engelsideal oft gar sehr in Widerspruch treten. Man muß sich das zuvor sagen und natürlich-gesunden Sinnes nicht zuviel erwarten, wenn man nicht Beschämung und Verdruß erleben will.

Doch darum nicht den Muth verloren, mein lieber Poeta! Es gibt gute, brave, wohlgezogene Mädchen, und ich wünsche von Herzen, daß Sie eine solche finden und mit ihr des Lebens froh werden mögen. Vielleicht schwebt Ihnen bereits ein liebes Kind vor, wie ich Ihnen eines wünsche? Sind Sie der Hauptsache gewiß, dann sehen Sie nur frisch über alles Andere hinweg und gründen Sie mit Besonnenheit ihr Glück im Ehestand! Denn dafür, wie ich Sie kenne, hat Sie Gott geschaffen. Ich sage Ihnen: Ihre Phantasie wird sich nie ganz losringen von der Schönen, die so unwürdig gegen Sie gehandelt hat, wenn Sie nicht der Gatte einer Andern werden. Ein Engel, den Sie nur träumen, wird Sie nicht frei machen gegen die, welche denn doch immer noch lebendig da ist, sondern nur ein gutes braves Weib, das Sie die Freuden des Hauses kosten läßt. — Leben Sie wohl, handeln Sie als Mann, und wenn etwas eintrifft, das mir Freude machen kann, vergessen Sie nicht, es mir zu melden, sondern denken Sie auch im Glück an mich!“ —

Als Heinrich diesen Brief las, konnte er nicht umhin, die tröstende Wirkung zu empfinden, die herzlicher Antheil, mit wackerm Humor ausgesprochen, immer auf uns übt. Zuletzt schüttelte er aber doch melancholisch den Kopf. „Uebertriebene Vorstellungen?“ sagte er zu sich; — „phantastische Ansprüche? — Wenn es nur das wäre!“

Er schwieg, und ein Seufzer stahl sich aus seiner Brust. „O Verblendung,“ rief er aus. „Stumpfsinn des Träumers, worüber kannst du hinwegsehen! — — Aber Geschehenes ist nicht zu ändern. Ich muß einen neuen Plan machen zum Leben und etwas versuchen! Meine Eltern sollen mich hören, und das heute noch!“

XII.

Vierzehn Tage waren hingegangen, seitdem Rosa von der Intendanz die ehrende Aufforderung erhalten. Die Vorstellung des Dramas, in welchem sie die Hauptrolle geben sollte, hatte stattgefunden und sie darin eine Kraft, Leidenschaft und Kunst entwickelt, daß die Kenner mit Staunen folgten und das Publikum den aufgeregtesten Beifall spendete. Der Sieg war vollkommen und bildete denn auch andern Tags den Hauptgegenstand der Unterhaltung in den feineren Kreisen der Stadt.

Rosa, indem sie den früher schon gelungenen Versuch in überraschender Vollendung wiederholte, hatte ihre Begabung für die höhere Sphäre der strengsten Kritik dargethan. Die Verwandlung ihres Herzens und Willens im Bunde mit der angesammelten Erfahrung hatte neue Fähigkeiten in ihr zu Tage gebracht und nicht nur ihrer Gestalt und Miene einen edleren, heroischeren Ausdruck, ihrem Spiel mehr Feuer, Innigkeit und Schwung verliehen, sondern auch ihre Stimme umfangreicher und tönender erscheinen lassen. So wahr ist es, daß die physischen Mittel abhängen vom Geist, ein erhöhtes Wollen auch sie erhöhen und die unzureichend scheinenden zureichend machen kann.

Es war der Künstlerin doch eine große Genugthuung. Ein süßes Gefühl der Macht durchdrang sie, und am Abend während der Vorstellung, am andern Tag bei Besuchen glückwünschender Verehrer empfand sie die reinste Freude. Sie hatte sich’s ausgedacht, alle ihre Kräfte aufgerufen und zusammengenommen und das Bild ihrer Seele auf der Scene verwirklichen wollen; aber wer stand ihr gut dafür, daß sie es auch konnte? Nun mußte sie dem Beifall der Zuschauer, der allgemeinen Stimme glauben und durfte die Leistung für gelungen halten.

Nach und nach sank die bewegte Fluth, Ruhe kam in ihr Herz und die Befriedigung ihrer Seele gewann einen Charakter des Ernstes, von dem sich eine stille Melancholie nicht abhalten ließ. Die Grundempfindung war doch eine beglückende. Die innere Vertiefung wurde von ihr als ein Zuwachs ihres Wesens, als dauernder Gewinn empfunden.

Als sie am dritten Morgen aus ihrem Stübchen in’s Zimmer trat, fand sie die Mutter eifrig lesend. Verschiedene Zeitungen waren eingegangen, die sämmtlich das Lob der Tochter verkündeten, und die gute Frau schwelgte eben in einem wahren Hymnus, in den sich die gefürchtete Feder Emil Schilfs ergossen hatte. Dieser Gute konnte, wenn nicht höhere Motive entgegen traten, eben so tapfer preisen wie schmähen, und dießmal, von dem Spiel Rosas bezwungen, hatte er sein Feuilletongenie in einem Panegyrikus blitzen lassen, daß die Mutter Edelsteine und Perlen zu lesen glaubte. Mit leuchtenden Augen ging sie auf die Tochter zu, meldete ihr die Vollendung des Triumphs durch die Presse und küßte sie unter Thränen der Freude. Sie war über den Erfolg noch glücklicher, jedenfalls stolzer als Rosa, und ihre Mienen hatten zugleich etwas Geheimnißvolles, als ob aus dem umgedrehten Füllhorn noch eine Spendung zu erwarten wäre.