Zunächst beschäftigte sie ein anderer Gedanke. Nach einem Moment des Besinnens ernst geworden, faßte sie die Hand der Tochter und sagte: „Du hast Alles erreicht. Du hast gezeigt, daß du eine Künstlerin bist; die schärfsten Kritiker setzen dich schon den berühmtesten Namen an die Seite. Schau nun aufwärts, mein Kind! Widerstehe deiner Schwäche! Bezwing’ eine Leidenschaft, die an deinem Herzen zehrt! Vergiß ihn, der ohne Zweifel dich vergessen hat!“

Rosa hatte ernsthaft gehorcht. Bei den letzten Worten, ungläubig oder gegen den Gedanken sich wehrend, schüttelte sie den Kopf. — „Wie!“ rief jene, mit einem Anflug von Unmuth; „du zweifelst noch? Kommt er auch nur dazu, uns, die wir Alles für ihn gethan haben, ein paar Zeilen zu schreiben? Er denkt nicht an dich! Er lebt seiner Braut — oder seiner Frau. Er ist aufgegangen in seinem Glück — und wem verdankt er’s?“

„Du bist ungerecht, Mutter,“ entgegnete die Tochter mit dem Humor eines melancholischen Herzens. „Wem verdanke denn ich mein Glück? — wem verdank’ ich den Triumph, den ich gefeiert habe? Offenbar Ihm, wie du selber zugeben mußt, seiner Liebenswürdigkeit — was mir nämlich so vorkam — und seiner Lieblosigkeit! Beide mußten zusammen kommen, um mich zu der Schauspielerin zu machen, die nun vom Publikum und den Journalen gefeiert wird. Gestehen wir’s uns jetzt,“ fuhr sie nach einem Moment fort, indem sie ihr launig in’s Auge sah, „ich war in der That ein oberflächliches Ding. Possen zu machen war meine Kunst und mein Bestreben. Die Soubrettenrollen hatten mir nach und nach eine Frivolität beigebracht, daß mir der ehrlichste Ernst bereits anfing pretentiös zu erscheinen. Ich war leichtfertig und kalt — ja, auch kalt! In den besten Momenten war’s doch nur soso, und nicht das Rechte. Nun ist Alles anders geworden, und wenn ich wieder eine Rolle von der lustigen Gattung bekomme, werde ich auch diese feiner und schöner spielen. Es war eine Schickung,“ fuhr sie mit einem unterdrückten Seufzer fort, „und der Hauptvortheil ist auf meiner Seite. Also keinen Seitenhieb auf ihn — das bewußtlose Werkzeug meines guten Genius! Laß ihn das Glück genießen, das er um mich gar wohl verdient hat! Und wenn er uns dabei vergißt — dem Glücklichen, wie du weißt, schlägt keine Stunde.“

Die Mutter schüttelte den Kopf, indem ihre Augen feucht wurden. „Ich würde dich,“ entgegnete sie, „für das edelste Geschöpf der Welt erklären, obwohl du mein Kind bist, wenn ich nicht wüßte, daß die Liebe in allen Geschöpfen großmüthig ist. Du sprichst zu seinen Gunsten? Du liebst ihn also noch! — O Welt, o Welt!“

„Was hast du nur dagegen?“ versetzte Rosa mit Lächeln. „Wenn die Liebe großmüthig und edel macht, dann ist’s ja genug, zu lieben und die Vortheile davon zu haben. Ist edle Gesinnung nicht die Hauptsache? Und wenn zu ihr die bloße Liebe führt, wozu bedarf es da noch des Geliebtwerdens?“ — „Geh!“ rief die Mutter, halb gerührt, halb unwillig, „du bist eine Thörin!“ — „Das edelste Geschöpf,“ entgegnete Rosa, „eine Thörin?“ — „Allerdings,“ versetzte die Mutter, „eine Schwärmerin, von der ich sorgen muß, daß sie ihr Lebensglück versäumt, indem sie ein unerwiedertes Gefühl wie ein Heiligthum pflegt. Doch, ich hoffe, die Zeit wird das Ihre thun. Du bist noch jung, und was du dir auch einbilden magst, ehe Monate dahingegangen sind, wird diese Leidenschaft dir erscheinen wie ein Traum, über den man lächelt, wenn man erwacht. Du wirst die Augen aufmachen und endlich den Mann finden, der dich wieder liebt.“

Rosa, mit einer ablehnenden Bewegung, hemmte die Fortsetzung. „Es mag seyn,“ erwiederte sie nach einem Moment. „Bis jetzt hab’ ich aber nichts dergleichen im Sinn und das Träumen ist mir noch lieber als das Wachen. Lassen wir’s und erwarten wir alles Uebrige von der Zeit! Ich bin wirklich zufrieden; ich habe meine Plane als Schauspielerin und will die gute Gelegenheit benutzen, um noch einige Rollen zu spielen wie die so gut gelungene und so viel gepriesene. Ich werde sie bekommen — was will ich mehr?“

Die Mutter nickte und schwieg. Sie trat auf die Seite, machte sich an einem Schrank etwas zu thun und betrachtete dann die nachdenklich Dastehende mit einer eigenthümlichen Mischung von Trauer und Hoffnung, als plötzlich die Klingel ertönte und nach einigen Sekunden die Köchin mit einem Brief erschien „an die gnädige Frau.“ Diese erbrach ihn, las und ihre Wangen rötheten sich; mit Mühe hielt sie eine triumphirende Empfindung nieder, die sich auf ihrem Gesicht ausdrücken wollte, und sagte zu Rosa mit Lächeln: „Ich muß ausgehen! Studire derweil die Blätter.“ — „Wohin gehst du?“ fragte Rosa. — „Vorderhand,“ erwiederte die Frau, „bleibt das mein Geheimniß.“ — „Ah!“ rief jene, „du hast Geheimnisse vor mir? Das ist etwas Neues!“

Mit einem liebevollen Blick entgegnete die Mutter: „Nicht gegen dich, mein Kind, wie du dir denken kannst, sondern für dich! Für dein Glück — dein wahres Glück —“ — „Nun,“ versetzte Rosa mit einem Aufschauen des Argwohns, „ich hoffe nicht —“ — „Keine Sorge!“ unterbrach sie die Frau kopfschüttelnd. „Deine Freiheit soll dabei nicht angetastet werden.“ — „Dann,“ erwiederte jene, „thue, was du vorhast, und mögen deine Bemühungen gesegnet seyn!“

Die Mutter verließ die Stube. Rosa trat zu dem runden Tisch, nahm eine Zeitung und las. Ihre Züge erhellten sich. „Es thut doch wohl, ausgezeichnet zu werden,“ sagte sie endlich; „zumal von einem, dem sonst nichts gut genug ist und der lieber verwundet — um seinem Namen Ehre zu machen. Sonderbare Menschen! Die besten können die schlimmsten und die schlimmsten die besten werden! Sogar auf die Bosheit kann man sich heutzutag nicht mehr verlassen!“

Sie ergriff ein anderes Blatt, und schon die ersten Zeilen entrissen ihr einen Ausruf der Verwunderung. Es war der Preisgesang von Schilf, der mit seinen humoristisch-pathetischen Sprüngen auf die klare Seele der Gefeierten nur einen sonderbaren Eindruck machen konnte, aber sie doch erheiterte und vergnügte. Sie schüttelte den Kopf und lächelte. „Welche Bekehrung!“ rief sie zuletzt; „und was ist gegenwärtig nicht Alles möglich!“