Das Blatt weglegend, als ob sie von Lob gesättigt wäre, suchte sie unbewußt die Bank in der Laube auf. Ihr Herz verlangte zu träumen und gewissen Gedanken sich hinzugeben. Eine Rede der Mutter hatte sie getroffen. „Es ist in der That auffallend,“ sagte sie sich, „daß er nicht einmal schreibt — einige wenige Zeilen schreibt! — Hat er uns wirklich vergessen im Hause der Braut — oder der Frau? Undankbar ist er doch sonst nicht gewesen; im Gegentheil, er konnte mit seinen Danksagungen ordentlich zur Last fallen. Aber allerdings,“ fuhr sie mit einem traurigen Lächeln fort, „aus den Augen, aus dem Sinn, das ist ein bewährter Spruch. Das Glück entrückt den Geist, und das Erste, was wir dabei vergessen, ist die Pflicht, die leidige Pflicht.“ Innehaltend schaute sie vor sich hin. Dann sagte sie: „Oder wär’s doch anders? Hätte ihn das Glück vielmehr belehrt und ihm die Augen geöffnet über mich und meine Gefühle? Hätte er hinterdrein erkannt, daß ich ihn liebe, leidenschaftlich liebe, und wollte er mir durch eine Schilderung seliger Tage nur nicht wehe thun? Möglich auch das! und das stimmt mehr zu seinem Charakter!“
Sie schwieg und schien sich in eine Vorstellung zu vertiefen. Auf einmal erhob sie den Kopf und rief: „Sachte, Phantasie! Nach Glück ausschauen heißt sich Unglück holen! Machen wir aus der Noth eine Tugend,“ fuhr sie mit ruhiger Entschlossenheit fort. „Gönnen wir jener ihr Glück und befassen wir uns mit der vielgerühmten Entsagung! Am Ende bleibt mir mein Geist — wie ich hoffe, auch mein Humor — und die Kunst, das göttliche Gefäß, in das ich mein Herz, wenn es zu voll und zu schwer geworden, immer wieder ausströmen kann.“
Sie stand auf und sah auf die Thüre. Ein Verlangen, die Mutter zu sehen, erhob sich in ihr — eine Neugier, was sie vorhaben möge. Auf einmal ertönte die Klingel, von kräftiger Hand gezogen. War das nicht ein Klingeln, wie —? Ohne zu wissen, was sie that, mit schauerndem Herzen, ging sie zur Thüre und öffnete sie, während die Magd eben die äußere aufmachte. Ein Schrei der Ueberraschung entfuhr ihr. „Heinrich Born!“ rief sie. „Sie kommen selbst?“ — Heinrich, der eingetreten und auf den Ruf still gestanden war, grüßte mit einem Ernst, den man feierlich nennen konnte, ging in’s Zimmer und gab ihr die Hand.
Rosa, nach der Ueberzeugung, die sie haben mußte, erkannte die Nothwendigkeit, ihn als liebende Freundin, als Schwester zu empfangen; sie raffte all ihre Kraft zusammen, und ihr Herz, wie mächtig es klopfte, fügte sich. „Nun,“ fragte sie mit gutmüthigem Lächeln, „Sie sind glücklich? Haben Alles nach Wunsch getroffen, und — Erzählen Sie mir! Sie wissen, welch innigen Antheil ich nehme.“
Heinrich stand betreten, verdüstert. Rosa, vergebens auf eine Antwort harrend, fuhr fort: „Was ist Ihnen? Das Glück macht ernst, ich weiß es — Aber Sie haben ein Aussehen — — Sind Sie nicht glücklich?“ — „Nein,“ erwiederte Heinrich mit traurigem Ton. — „Wie!“ rief das Mädchen. „Sind Sie nicht mit Auguste verheirathet? oder werden heirathen?“
„Nein,“ rief jener, indem er bitter den Mund verzog. „Das Verhältniß ist gelöst. Sie hat für gut gefunden, einen Andern — einen Reichen zu beglücken und wird nächstens —“ — „Ah!“ rief die Liebende, jäh bestürmt von den widersprechendsten Empfindungen, aber nach einem blitzähnlichen Gefühl der Freude doch mit einem Ernst des Bedauerns in ihrem Gesicht. „Sie sind betrogen — und unglücklich?“ fuhr sie mit dem Tone des Mitleids fort.
„Betrogen und unglücklich — ja,“ versetzte Heinrich; „aber unglücklich nicht durch den Betrug, sondern durch die unverantwortliche Selbsttäuschung, in der ich befangen und so sicher gewesen bin. Wie ist es möglich, daß ein Mensch eine solche Zeit in solcher Verblendung lebt? Was kann so einer noch von sich selber erwarten?
Rosa, durch den bittern und traurigen Ton dieser Antwort getroffen und irre geführt, sagte mit Ernst: „Der Glaube an eine Liebe, die man Ihnen so lang und so gut geheuchelt hat, kann Sie nicht beschimpfen. Er verräth nur ein liebendes, treues Herz, das auch Andere der Treue fähig hält, und das ehrt Sie und Sie können stolz darauf seyn. Trösten Sie sich,“ fuhr sie mit Güte fort. „Wenn es nicht der Verlust ist, der Sie unglücklich macht, dann fangen Sie nur wieder mit neuem Muth an zu leben! Unternehmen Sie eine Arbeit! Sie gehören ja zu den Glücklichen, die in ihrer Kunst den Balsam haben für die Wunden der Seele! Und wenn es ein Trost für Sie seyn kann, meine — unsere Freundschaft bleibt Ihnen. Wir sind nach wie vor bereit, Ihnen zu dienen und zu helfen, wo wir können.“
Die freundlichen Worte hatten auf den Ermahnten einen wohlthuenden und rührenden Eindruck gemacht. Er wollte reden; aber plötzlich, wie von einem heimlichen Gedanken getroffen, wandte er sich heftig weg. Das Mädchen sah ihn erstaunt, bestürzt an. „Was ist Ihnen?“ rief sie. „Hab’ ich etwas gesagt, das Sie beleidigt?“ — „Nein, nein!“ rief Heinrich in tiefer Erregung. Er schwieg, faßte sich wieder, und sagte mit traurig entschiedenem Ton: „Fragen Sie mich nicht! Ueberlassen Sie mich meinem Schicksal. Mir ist nicht mehr zu helfen.“
„Also doch!“ erwiederte Rosa nach einem Moment des Schweigens, mit einem Ausdruck des Mitleids und der Betrübniß. „Sie verzweifeln, und können und wollen keinen Trost annehmen! Aber Sie sind ungerecht! Wenn Ihnen die Geliebte untreu geworden ist, dürfen Sie deßwegen der Freundin untreu werden? Das finde ich nicht schön gehandelt!“