Heinrich, mit sich selber kämpfend, stand ein Raub schmerzlich verwirrter Empfindungen. — „Ermannen Sie sich!“ fuhr das Mädchen liebevoll mahnend, wie zu einem Kranken fort. „Versuchen Sie, was eine neue Beschäftigung und der Umgang mit treuen Freunden vermag! Ich weiß wohl,“ setzte sie mit einem Schein traurigen Lächelns hinzu, „die Freundschaft ist kein Ersatz für verlorene Liebe; aber etwas sollte die unsere, die ja nicht von gestern ist, doch vermögen. Wenn nicht das Glück, so sollten Sie doch die Ruhe der Seele bei uns wieder finden können.“
Heinrich, mit unwillkürlichem Widerspruch, schüttelte den Kopf. „Wie!“ rief das Mädchen, nicht ohne ein Gefühl der Kränkung ihrerseits; „auch das nicht? Sie sind also unheilbar? Sie wollen es seyn?“
Der so wunderbar Verkannte sah sie an. Eine Rührung übermannte ihn, und in ihr kam unaufhaltsam ein Schmerzensblick der Liebe aus seinem Auge. Obwohl er ihn so schnell als möglich in einen Blick des Bedauerns, der Bitte um Vergebung wandelte, so hatte ihn Rosa doch bemerkt und ahnte die Wahrheit. Unmöglich war es ihr, von ihrem Antlitz einen Schein der Freude, von ihrem Blick ein Leuchten der Liebe zurückzuhalten. Aber noch war es nicht gewiß, noch war es nicht ausgesprochen, und sie konnte sich irren. Mit ernstem, herzlichem Ton fuhr sie fort: „Ihr Benehmen ist sonderbar. Die kränkende Behandlung, die Sie erfahren haben, macht Sie nicht unglücklich, sagen Sie? und doch geberden Sie sich wie einer, der es ist. Sie geben sich für verloren, unrettbar verloren; und wenn man Ihnen Trost einsprechen will in der besten Meinung, wenden Sie sich wie beleidigt ab. Sie sind also noch immer unglücklich! Warum?“
„Weil — weil —“ rief der Gedrängte, wie einer, der nicht länger an sich halten will. Aber als ob ihm die Zunge plötzlich den Dienst versagte, schwieg er dennoch. Dann, mit großer Anstrengung den Tumult der Seele niederhaltend, erwiederte er: „Mein Fräulein, beste Freundin! ich habe Sie nach meiner Rückkehr besuchen und begrüßen wollen; aber ich sehe, daß ich in einer unsinnigen Stimmung bin, daß ich mich vor Ihnen wie ein Thor benehme, und es ist meine Pflicht, Sie von diesem Anblick zu befreien. Ich bin zu Ihnen gekommen mit Vorsätzen, die ich nicht halten kann. Vergeben Sie mir, und leben Sie wohl!“
Er wandte sich, um zu gehen; allein Rosa, die jetzt nicht mehr zweifeln konnte, erröthend, mit einem Ausdruck um die Lippen, dessen Ernst das Entzücken der Seele nur einigermaßen zu dämpfen vermochte, rief: „Bleiben Sie! Reden Sie! antworten Sie aufrichtig und ohne Rückhalt! Warum?“
„Weil,“ rief Heinrich, und stockte noch einmal. Aber nun antwortete besser, schöner und rührender ein Blick der Liebe und Verehrung, der aus der tiefsten Seele kam, und Thränen, die in seinen Augen glänzten.
„Weil Sie mich lieben!“ rief mit leuchtendem Antlitz das Mädchen. „Weil Sie mich lieben!“ wiederholte sie, „und weil Sie glauben, ich hegte für Sie nur Gefühle der Freundschaft! Ist’s nicht so?“
„Ja!“ rief Heinrich erschüttert. „Ja, weil ich Sie liebe und Ihrer nicht werth bin! Das ist der Grund! Und nun strafen Sie mich für meine Anmaßung, verschmähen Sie mich!“
Das Mädchen erwiederte süß lächelnd: „Das werd’ ich nicht thun, lieber Freund! Ich freue mich allzusehr über diese Bekehrung —“ — „Wie,“ rief Heinrich, „Sie könnten verzeihen?“ — „Ich habe Sie geliebt,“ erwiederte sie, „vom ersten Tag an, wo ich Sie sah. Bei der ersten Begegnung schon regte sich’s in meinem Herzen!“
Heinrich, der voll Entzücken gehorcht hatte, faßte sie bei den Händen und drückte sie zärtlich. Auf einmal rief er bestürzt: „Himmel! und mit dieser Gesinnung haben Sie die Lobpreisungen der Andern gehört?“ — „Nun,“ erwiederte sie, „ich will’s Ihnen nur gestehen: das hat mir auch wirklich manchmal Kummer gemacht.“ — „Und doch!“ rief Heinrich ergriffen. „Sie sind das liebenswürdigste und beste Geschöpf, das mir auf dieser Welt begegnet ist! Gott sey gepriesen, daß er mich Sie finden ließ! — Und Sie könnten — Sie wollten die Meine werden?“