»Es ist auch wirklich komisch,« sagte der Zwerg lächelnd und fuhr fort:
»Im nächsten Winter brachte die Generalin Wichiorowa aus Petersburg eine finnische Zwergin namens Meta mit, die war noch um einen Finger breit kleiner als ich. Die selige Marfa Andrejewna konnte das gar nicht hören. Anfangs behauptete sie immer, das sei keine natürliche Zwergin, sondern eine, der man in der Kindheit Blei eingegeben habe; aber als sie angekommen war und meine gnädige Herrin die Meta Iwanowna mit eigenen Augen sah, da wurde sie furchtbar böse, daß sie so wohlgebaut und weiß war. Sogar im Traum ließ es ihr keine Ruhe: immer nur dachte sie daran, wie sie die Meta Iwanowna kaufen könnte. Aber die Generalin wollte von Verkauf nichts wissen. Da fing nun Marfa Andrejewna mit allerlei spitzigen Reden an: ihr Nikolai wäre ein kluger Kopf und hätte mit dem Kaiser selbst gesprochen, das Mädel aber sehe bloß nett aus und weiter nichts. So zankten sich die beiden Damen unsertwegen. Marfa Andrejewna sagte, jene solle ihr das Mädchen verkaufen, und diese wiederum wollte mich kaufen. Da fuhr Marfa Andrejewna einmal heftig auf: ›Ich will sie doch nicht bloß zum Spaß haben,‹ sagte sie, ›ich will sie doch verheiraten, der Nikolai soll sie zur Frau nehmen.‹ Die Frau Wichiorowa aber meinte: ›Ich kann ja die beiden auch verheiraten, wenn sie mir gehören.‹ Marfa Andrejewna erwiderte: ›Wenn sie Kinder kriegen, sollst du ein Paar davon haben.‹ Jene aber versprach, daß sie ihr ebenfalls ein paar Kinder überlassen wolle, wenn es welche geben würde. Bis auf zehntausend Rubel waren sie nach und nach gekommen, meine werten Herrschaften, aber immer wurde nichts aus der Sache, denn wenn meine gnädige Herrin zehntausend für die Meta bot, so bot die Generalin elftausend für mich. Wohl war Marfa Andrejewna eine Frau von starkem und unbezwinglichem Geiste, die mit Pugatschow gestritten und mit drei Kaisern getanzt hatte, – aber mit der Generalin Wichiorowa wurde sie doch nicht fertig. Und auf mich war sie auch böse. ›Du bist auch so ein dummer Rüpel,‹ geruhte sie zu mir zu sagen, ›der dem Mädel nicht ordentlich den Kopf verdrehen kann, daß es selber drum bittet, deine Frau werden zu dürfen.‹ – ›Mütterchen, Marfa Andrejewna,‹ sagte ich, ›wie soll ich ihr denn den Kopf verdrehen? Geben Sie mir Ihre Hand, Mütterchen, daß ich Narr sie küsse.‹ Da wurde sie noch böser. ›O, du dummer, dummer Kerl,‹ sagte sie, ›nichts verstehst du als die Handküsserei.‹ Da schwieg ich schon lieber ganz.«
»O dieser kleine Kerl! Er kann ja nichts dergleichen, der Arme,« erklärte der Diakon teilnahmvoll seinem Nachbarn.
Der Zwerg warf ihm einen Blick zu und fuhr fort:
»So ging es nun Tag für Tag, bis es Frühling wurde, und für uns kam die Zeit, aus Moskau wieder nach Plodomasowo zurückzukehren. Wir fuhren nochmals zur Wichiorowa und wurden wieder nicht handelseinig. Marfa Andrejewna sagte ihr: ›So erlaub doch wenigstens deiner Qualle, daß sie mit Nikolai vor dem Hause auf und ab geht.‹ Die Generalin gestattete das, und nun mußten Meta Iwanowna und ich auf dem Trottoir vor den Fenstern hin- und herspazieren. Das war eine große Freude für die selige Marfa Andrejewna, und für uns beide wurden die verschiedensten Kostüme genäht. Wir kamen hin und sie befahl: ›Heute sollen Nikolai und Meta als Paysans gehen.‹ Dann erschienen wir beide in Holzschuhen, ich in Kamisol und Hut und Meta Iwanowna mit einer großen Haube, und so gingen wir vor dem Hause auf und ab, und die Leute auf der Straße blieben stehen und schauten uns an. Ein andermal mußten wir uns als Türke und Türkin zeigen. Dann als Matrose und Matrosenmädchen. Ferner hatten wir noch Bärenkostüme, aus braunem Flanell genäht, wie Futterale. In diese stopfte man uns hinein, wie man eine Hand in den Handschuh steckt oder den Fuß in den Strumpf, nichts war zu sehen als die Augen, und oben am Kopfe waren solche kleine Zipfel aus Tuch angemacht, wie Ohren, die hin- und herwackelten. In diesen Kleidern schickte man uns aber nicht auf die Straße, sondern ließ sie uns zuweilen anlegen, wenn die beiden Damen beim Kaffee saßen. Dann mußten wir auf dem Teppich vor dem Kaffeetisch miteinander ringen. Meta Iwanowna war sehr stark für ein Mädchen, wenn ich ihr aber geschickt und schlau ein Bein stellte, dann fiel sie doch gleich um. Aber ich gab ihr doch meist aus Mitleid mit ihrem weiblichen Geschlecht nach, und die Generalin pflegte auch oft ihr Bologneserhündchen zu Hilfe zu rufen, das mir in die Waden fuhr. Dann ärgerte sich Marfa Andrejewna … Ach, ich mag gar nicht an diese Ringkämpfe denken! Das allerschönste Kostüm, das die Selige hatte machen lassen, habe ich heute noch: mich zogen sie als französischen Grenadier und Meta Iwanowna als Marquise an. Ich hatte eine hohe Bärenmütze, einen langen Waffenrock, eine Flinte mit Bajonett und Meta Iwanowna trug einen Reifrock und hielt einen großen Fächer in der Hand. Dann mußte ich mich mit der Flinte vor der Tür aufstellen und Meta Iwanowna ging mit ihrem Fächer an mir vorüber und ich präsentierte das Gewehr. Und dann fing Marfa Andrejewna wieder mit der Generalin zu feilschen an, denn sie wollte uns gar zu gerne verheiraten. Ich muß Ihnen aber sagen, daß all diese Kostüme für mich und Meta Iwanowna meine gnädige Herrin auf ihre Kosten machen ließ, denn sie glaubte ganz sicher, daß sie die Meta Iwanowna schließlich doch bekommen würde; ja, je mehr Kleider sie für uns machen ließ, desto mehr wurde sie in der Zuversicht bestärkt, daß wir beide ihr Eigentum seien. Aber die Sache sollte ganz anders ausgehen. Die Generalin Karolina Karlowna Wichiorowa war nicht umsonst eine Deutsche: wo etwas ihr von Vorteil war, da widersetzte sie sich nicht, sondern nahm alles an, aber nachgeben war ihre Sache nicht. Da kam Alexei Nikititsch – Gott schenke ihm Gesundheit und langes Leben, ihm selbst war die Sache schon lange ein Dorn im Auge, und er sah, daß sie bös auslaufen würde – er kam also auf den Gedanken, oder irgendein kluger Offizier von seinem Regiment hatte ihm den Rat gegeben, der Frau Mutter mitzuteilen, die Wichiorowsche Zwergin sei verschwunden. Das beruhigte Marfa Andrejewna noch einigermaßen, daß jetzt niemand die Meta Iwanowna haben sollte, und sie redete beständig davon. ›Wie ist sie denn verloren gegangen?‹ fragt sie. Alexei Nikititsch antwortet, ein Jude hätte sie gestohlen. ›Wie? Was für ein Jude?‹ Und wir fabeln weiter, wie's uns gerade einfällt: so ein kastanienbrauner Jude sei es gewesen, mit einem langen Bart, alle hätten ihn gesehen, wie er sie gepackt und fortgeschleppt habe. ›Warum hat man ihn denn nicht festgehalten?‹ fragt sie wieder. – Ja, er sei eben aus einer Straße in die andere, aus einer Gasse in die andere gerannt. – ›Sie ist aber auch ein dummes Frauenzimmer, daß sie sich so fortschleppen läßt und nicht einmal schreit! Mein Nikolai hätte sich sowas nicht gefallen lassen.‹ – ›Wie werd' ich mich denn von einem Juden überwältigen lassen?!‹ sagte ich. Und so glaubte sie alles, wie ein kleines Kind. Aber da machte Alexei Nikititsch versehentlich einen kleinen Fehler, oder richtiger, er wollte es zu schlau anfangen. Seine Absicht war natürlich, Marfa Andrejewna schneller mit mir aufs Land zu schaffen, denn dort, glaubte er, würde sie leichter vergessen, und so sagte er zu seiner Mutter: ›Seien Sie unbesorgt, liebe Mutter. Man wird die Zwergin sicher wiederfinden, denn sie wird überall gesucht, und wenn man sie gefunden hat, schreibe ich Ihnen sofort aufs Land.‹ Die Selige klammerte sich nun an dieses Wort. ›Nein,‹ sagte sie, ›wenn man sie sucht, dann will ich lieber hier abwarten. Vor allem aber möchte ich den Juden sehen, der sie geraubt hat.‹ Ja, meine Herrschaften, da mußten wir noch einen Polizisten anstellen, daß er uns lügen half. Jeden Tag kam er und meldete, die Kleine würde gesucht, sei aber immer noch nicht gefunden. Sie gab ihm jeden Tag fünf Rubel, mich aber schickte sie tagtäglich zur Frühmesse, daß ich Sankt Johannes dem Krieger einen Bittgottesdienst abhalten lasse um Rückkehr der entflohenen Sklavin …«
»Sankt Johann dem Krieger? Du sagst, zu Sankt Johann dem Krieger hättest du beten lassen?« unterbrach ihn der Diakon.
»Ja, Sankt Johannes dem Krieger.«
»Na, dann gratuliere ich, mein Lieber. Da habt ihr gar nicht zu dem richtigen Heiligen gebetet.«
»Wirst du wohl Ruhe halten, Diakon? Sei so gut,« fiel Vater Sawelij ein.