Neuntes Kapitel.

Zu den Ohren der verliebten Biziukina war aus dem Kabinett längst schon bald ein sanftes Entenplätschern, bald ein wildes Spritzen und seltsames Gurgeln gedrungen. Plötzlich jedoch war alles still geworden und immer noch zeigte sich Termosesow nicht. Hatte er denn wirklich so viel mit diesem wortkargen Fürsten zu reden? Oder schlief er? … Das konnte der Fall sein, denn die Reise mußte ihn ermüdet haben. Oder las er vielleicht? Was konnte er lesen? Und was brauchte er zu lesen, wenn er selbst klüger war als alle Bücherschreiber? … Aber während sie so grübelte, ging die Tür auf und auf der Schwelle erschien Jermoschka mit einer Waschschüssel voll Seifenwasser. Er schloß die Tür nicht hinter sich, so daß Daria Nikolajewna ins Zimmer hineinsehen konnte. Ganz hinten am Fenster entdeckte sie die schmächtige Figur des Fürsten. Dicht vor ihm, etwas näher zur Tür, erhob sich der fleischige Torso Termosesows. Beide, der Revisor und sein Sekretär, waren im Negligé. Bornowolokow in Beinkleidern und einem schneeweißen Hemde aus holländischer Leinwand, über das sich kreuzweise die zwei roten Streifen der seidenen Hosenträger legten. Sein kleines blondes Köpfchen war glatt gekämmt, und er bemühte sich, es mit Hilfe einer Metallbürste noch mehr zu glätten. Termosesows Gestalt zeigte sich in ihrer ganzen plastischen Vollendung, der Kragen seines Hemdes war aufgeknöpft und die weit über den Ellbogen aufgeschürzten Ärmel ließen die muskulösen, dicht behaarten Arme deutlich erkennen.

Mit diesen Armen hob Termosesow ein langes russisches Handtuch, an dessen Enden rote Hähne gestickt waren, und bearbeitete damit seine sich wild sträubenden nassen Haare aufs kräftigste.

Aus der Energie, mit welcher der liebenswürdige Ismail Petrowitsch dieses Geschäft betrieb, ließ sich ohne weiteres erraten, daß die fröhlichen, machtvollen und ungenierten Fiorituren, die eben noch durch die geschlossene Tür bis in den Saal gedrungen waren, von Termosesow herrührten, während Bornowolokow nur wie eine Ente zischen und plätschern konnte. Der zurückkehrende Jermoschka, welcher die Tür zuschlug, zerstörte das holde Bild.

Aber Termosesow hatte genügend Zeit gehabt, um das Feld mit seinem Adlerblick zu überschauen, und er ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen, die Hausfrau durch sein Erscheinen ohne den Fürsten zu erfreuen. Er warf schnell seinen weiten Mantel über seine höchst unvollkommene Toilette und stieß den armen Jermoschka, ihn am Ohr packend, ins Vorzimmer hinaus mit den Worten:

»Daß du deine Nase hier nicht zu zeigen wagst, bis ich dich rufen werde!«

Dann schloß er die Tür zum Kabinett, in dem sich der Fürst noch befand, und setzte sich in seinem immerhin recht seltsamen Kostüm ungeniert neben die Hausfrau.

»Hören Sie mal, Biziukina, so geht das nicht, Herzchen,« fing er an und faßte sie ohne weiteres bei der Hand. »Sie haben Ihren Lausbuben gar zu sehr verwöhnt. Ich nannte ihn ein Ferkel, weil er dem Fürsten die Ärmel beplantscht hatte, worauf er mir: ›Meine Mutter ist keine Sau, sondern eine Frau!‹ antwortete. Daran sind Sie natürlich schuld, Sie haben ihn so emanzipiert, nicht wahr?«

Und mit völlig veränderter Stimme fuhr er zärtlich fort: »Sie sind es? Ja? Sagen Sie – ja?« Dieses Ja wurde in einem Ton gesagt, der das Herz der Biziukina erschauern machte. Sie begriff, daß die gewünschte Antwort gar nicht der gestellten Frage galt, sondern einer unausgesprochenen, deren heimlicher Sinn sie durch seinen Realismus geradezu erschreckte, und darum schwieg sie. Aber Termosesow ließ nicht locker.

»Ja oder nein? Ja oder nein?« drängte er mit wachsender Ungeduld.