»Ich fror derart am offenen Fenster, daß ich, nur um ihn schneller loszuwerden, meinte: ›Ich kenne noch einen Hundenamen, werter Herr, aber ich habe nicht den Mut, ihn Euch zu sagen.‹ – ›Tut nichts,‹ schrie er, ›sag ihn ruhig!‹ – ›Ich kannte einen Herrn, dessen Hund hieß Wiesie.‹ Vater Achilla machte ein ganz verdutztes Gesicht. ›Was ist das für Unsinn, du bist wohl verrückt geworden?‹ – ›Nein,‹ sagte ich, ›verrückt bin ich nicht, ich weiß nur ganz genau, daß in Moskau ein Fürst einen Hund hatte, der hieß Wiesie.‹ Achilla Andrejewitsch geriet nun in fürchterliche Wut, gab seinem Pferd die Sporen, ritt hart an die Mauer heran und schrie: ›Wie darfst du alter schamloser Kerl solche Dinge reden? Weißt du nicht, daß ich einen christlichen Namen trage und daß ich ein Diener des Altars bin?‹ Mit Müh und Not konnte ich ihn beruhigen, Vater Propst, und ihm erklären, was es mit dem Wiesie für eine Bewandtnis hatte. Darauf schwang er sich auf sein Pferd, holte das Hündchen aus seinem Pelz, wo er es verborgen gehalten hatte, heraus und rief: ›Guten Tag, Wiesiechen!‹ Und sprengte fröhlich von dannen.«

»Das große Kind!« sagte Sawelij lächelnd.

»Ja, er muß immer spaßen.«

»Tadele ihn nicht. Das Kind muß sein Spielzeug haben, damit es nicht weint. Er hat eine schwere Last zu tragen. Rundherum liegt alles in tiefstem Schlaf und in ihm brennen tausend Leben.«

»Sehr richtig. Ich kann mir auch gar nicht denken, wie er einmal sterben wird.«

»Ich auch nicht,« meinte der Propst lächelnd. »Er ist die verkörperte Verneinung des Todes. Was aber wurde weiter aus dem Wiesie?«

»Ja, was meint Ihr wohl? Seinetwegen gab es noch Zank und Streit ohne Ende. Es konnte ja auch gar nicht anders sein. Der Vater Diakon hatte sich nämlich folgendes angewöhnt: Wenn er besonders große Sehnsucht nach Euch bekam, nahm er sein Wiesiechen auf den Arm und begab sich zur Poststation. Dort setzte er sich vor die Tür und wartete. Kaum zeigte sich nun ein vornehmer Reisender oder eine Dame, so sagte er gleich: ›Lache, mein Hündchen!‹ Und das kleine Vieh lachte. Das machte den Reisenden Spaß und sie fragten: ›Wie heißt denn das Hündchen, Herr Pfarrer?‹ Er antwortete: ›Ich bin kein Pfarrer, sondern bloß Diakon, meinen Pfarrer haben die Hunde gefressen.‹ ›Wie heißt denn aber das Hündchen?‹ fragten sie erneut. ›Das Hündchen, das heißt Wiesie.‹ Auf diese Weise geriet er mit allen in Streit. ›Ich will sie so alle ins Gesicht Hunde nennen,‹ sagte er, ›und der Friedensrichter kann mir doch nichts anhaben.‹ So nimmt er Rache für Euch, Vater Sawelij; aber was er eigentlich damit erreicht, das bedenkt er gar nicht. Dem Vater Zacharia ist es seinetwegen schon einmal schlimm ergangen: der Propst sah den Hund bei ihm und fragte, wie er hieße. ›Er heißt Wiesie, Hochwürden‹ – sagte Zacharia und zog sich einen ernsten Verweis zu.«

Sawelij lachte Tränen. »Dieser ehrliche Zacharia ist köstlich. Ein Gefäß Gottes und ein Beter, wie ich keinen zweiten gesehen. Ich sehne mich, ihn wieder zu umarmen.«

Von der Anhöhe, welche die Reisenden jetzt erreichten, ward plötzlich die ganze Stadt sichtbar, diese alte, eigentümliche Stadt, die für Tuberozow so viele Erinnerungen barg; sie überkamen den Alten mit einer solchen Macht, daß er sich zurücklehnen und die Augen schließen mußte, als hätte ihn zu grelles Sonnenlicht geblendet.

Sie ließen den Kutscher langsamer fahren, denn erst, wenn es dämmerte, wollten sie in der Stadt sein. Als sie im Halbdunkel mit dem eisernen Ring gegen das wohlbekannte Tor schlugen, ertönte von innen Achillas Stimme: »Wer da?« Tuberozow wischte sich eine Träne aus dem Auge und bekreuzigte sich.