»Diese Wurst bring ich, der Kater,
Meinem Herrn, dem frommen Vater«

und ihn in den Klosterhof laufen lassen.

Einen Monat später schrieb Achilla aus Moskau, wie sehr ihm die Stadt gefallen hätte; doch seien die Leute dort gar arglistig, insbesondere die Kirchensänger, die ihn zweimal aufgefordert hätten, mit ihnen Blachdnublach zu trinken, er aber habe »aus der Praxis wohl wissend, was sothanes Blachdnublach zu bedeuten habe, sich ob dieser ihrer Sängerfrechheit nicht wenig verwundert«.

Einige Zeit später schrieb er aus Petersburg:

»Mein vielgeliebter Freund und Euer Hochwürden Vater Sawelij. Freuet Euch. Ich lebe herrlich im Klostergasthof, in dem es freilich an Versuchungen jeglicher Art nicht fehlt, denn es geht hier fast ebenso zu, wie mitten im Lärm der großen Stadt. Und doch sehne ich mich sehr nach Euch. Wenn wir zusammen hier wären, könnten wir gemeinschaftlich viel schöner und mit viel mehr Freude alles bewundern. Eure weisen Ratschläge habe ich mir wohl gemerkt und werde von allen mit größter Achtung behandelt, was Euch ja das Moskauer Blachdnublach beweist, welches mitzutrinken ich mich weigerte. Ich trinke nur ganz wenig, und auch nur deshalb, weil ich sonst fürchte, gute Bekanntschaft zu verlieren. An Schönem ist hier kein Mangel, bloß einen richtigen Diakon, wie man ihn sich bei uns wünscht, habe ich noch nicht gefunden. Alle sind sie Tenöre, die nach unsern Begriffen nur zu Friedhofsgottesdiensten zu brauchen wären, und obgleich einige sich sehr aufspielen, so sind sie doch an Gestalt im Vergleich zu uns gar jämmerlich und ihr Gesang ist ein halbes Sprechen, wobei sie nicht mal die richtige Note treffen, und die Sänger mit ihnen gar nicht ordentlich zurechtkommen können. Ich aber, der ich mein Handwerk kenne, mache ihre Mode nicht mit, sondern singe die Messe so, wie ich es gewohnt bin, und, obgleich ich ein Fremder bin, hat mich die Kaufmannschaft doch aufgefordert, beim Dankgottesdienst vor der Markthalle mitzusingen, und ich habe dafür, außer der Renumeration in barem Gelde, noch drei Tücher aus Seidenfoulard erhalten, wie Ihr sie so gerne habt und welche ich Euch als Gastgeschenk mitzubringen gedenke. Wohl bekomm's! Langeweile habe ich oft. Man bekommt hier meistens Kaffee vorgesetzt. Wegen der weiten Entfernungen mache ich nur wenig Besuche. Fast alle wohnen in Nebenstraßen; und da ich auf dem Imperial fahre, komme ich in keine Nebenstraßen hinein. Doch Ihr als Provinzler werdet das gar nicht verstehen: man sitzt wie auf einem Hause, hoch oben auf dem Dache, und wenn man von da hinunter will, so muß man sehr gewandt sein, um abspringen zu können. Dem weiblichen Geschlecht ist dieses wegen seiner Kleidung überhaupt nicht gestattet. Die Droschkenkutscher aber sind hier, wie ich bemerke, große Spötter. Und wenn einer von uns geistlichen Personen einen mieten will und er bietet einen niedrigen Preis, dann schreien gleich alle andern: ›Mit dem sollt Ihr nicht fahren, Vater, der hat erst gestern einen Priester in den Schmutz fallen lassen.‹ Deshalb lasse ich mich mit ihnen lieber nicht ein. Unsern Warnawa habe ich einmal getroffen, sprach ihn aber nicht. Denn wir fuhren aneinander im Imperial vorüber, und ich konnte ihm nur von ferne drohen. Im übrigen sieht er halb krepiert aus. Was Euer Unglück betrifft, daß Ihr noch unter dem Bann steht und nicht für Euch in der Messe beten könnt, so grämt Euch deshalb nicht. Ich habe das alles wohl überlegt und eingerichtet und der Allmächtige sieht es. Seid getrost: Wenn Ihr auch für Euch selbst im Kreisstadttempel nicht beten könnt, in der Residenz ist ein Mann, durch den steigt das Gebet für Euch zum Himmel empor, – aus der Kasankathedrale, wo der Erretter des Vaterlandes, der durchlauchtigste Fürst Kutusow, beigesetzt ist, und aus der Isaakskathedrale, die von außen ganz von Marmor ist. Und dieser Beter in der Residenz bin ich, denn sobald ich die große Fürbitte verlesen habe, so verkünde ich laut die Namen, die mir vorgeschrieben sind, aber heimlich flüsternd nenne ich still für mich auch Deinen Namen, mein Freund Vater Sawelij, und sende mein allerheißestes Gebet für Dich zum Höchsten hinauf, und klage ihm, wie Du vor aller Welt von Deinen Vorgesetzten gekränkt worden bist. Und ich bitte Euch noch ganz besonders, nicht mehr an jenes Wort, Eure Tage seien gezählt, zu denken, es nicht auszusprechen, denn das wäre für mich und den Vater Zacharia über alle Maßen schmerzlich, und ich würde Dich, auf Ehrenwort, nur ganz kurze Zeit überleben.«

Unterzeichnet war der Brief: »Zeitweiliger Residenzstellvertreter des Protodiakons seiner Parochie, Diakon am Dom zu Stargorod Achilla Desnitzyn.«

Es kam noch ein zweiter Brief von Achilla, in dem er berichtete, daß er »durch einen glücklichen Zufall doch mit Prepotenskij zusammengekommen sei und sich mit ihm wegen der vergangenen Dinge habe schlagen wollen; daß die Sache aber eine ganz andere Wendung genommen habe und er sogar in seiner Redaktion gewesen sei.« Denn Warnawa war jetzt Redakteur und Achilla hatte verschiedene »Literaten« bei ihm getroffen und sich mit ihm ausgesöhnt. Als Grund zu dieser Versöhnung wurde angegeben, Warnawa (nach Achillas Behauptung) sei ein sehr unglücklicher Mensch geworden, weil er sich kürzlich mit einer Petersburger jungen Dame verheiratet hätte, die weit strenger wäre, als jede ältere Frau, und immer gegen die Ehe spreche. Auch solle sie Warnawa häufig prügeln. Er wäre gar nicht mehr so wie früher: »Er hat mir selber offen eingestanden, wenn er nicht eine solche große Angst vor seiner Frau hätte, so würde er in seiner Zeitung sogar für den lieben Gott eintreten; und dann schimpft er fürchterlich auf die Frau Biziukina und insonderlich den Herrn Termosesow, der sich anfangs hier sehr gut eingerichtet hatte und ein hohes Gehalt bezog im Geheimdienst, indem er ehrliche Leute auszukundschaften hatte. Aber der böse Feind verführte ihn durch seine Habsucht: er fing an falsches Papiergeld in Umlauf zu bringen, und nun sitzt er im Gefängnis.« Am meisten aber rühmte Achilla sich dessen, daß er eine Theatervorstellung mit angesehen habe. »Einmal (schrieb er) bin ich mit den Kirchensängern in bürgerlichem Gewande auf die höchste Galerie zur Oper ›Das Leben für den Zaren‹ gegangen, und habe nachher von dem schönen Gesang fast die ganze Nacht vor Entzücken weinen müssen. Ein andermal bin ich dann, wiederum als Zivilist verkleidet, hingegangen, den König Achilla selber zu sehen. Aber mit mir hatte er auch nicht die geringste Ähnlichkeit: Es kam ein Komödiant herausstolziert, ganz in Gold gepanzert, und klagte über seine Ferse. Hätte man mir solch eine Montur angezogen, ich hätte es viel dröhnender gemacht. Das andere Spiel aber ist ganz heidnisch mit einer Offenheit bis hierher, und auf einen Witwer oder einzelnstehenden Mann wirkt das äußerst beunruhigend.«

Und dann kam endlich noch ein dritter Brief, in dem Achilla meldete, er käme jetzt bald zurück, und an einem trüben Herbsttag erschien er plötzlich bei Tuberozow, strahlend, als brächte er eine Freudenbotschaft.

Sawelij begrüßte ihn und lief sofort auf die Straße, um die Fensterläden zu schließen, weil kein Neugieriger von der Heimkehr des Diakons erfahren sollte.