Elftes Kapitel.
Kalt und trübe war die Oktobernacht. Hastige Wolken krochen am Himmel entlang und der Wind brauste in den nackten Zweigen der Weiden. Achilla schritt unermüdlich vorwärts und als die späte Herbstmorgendämmerung graute, hatte er den halben Weg bereits zurückgelegt und konnte sich getrost etwas Ruhe gönnen.
Er bog vom Wege ab, legte sich hinter einer großen Strohmiete, die ihn vor dem Winde schützen sollte, auf den Boden, deckte sich den Mantel übers Gesicht und schlief ein.
Der Tag war genau so wie die Nacht: die kalte Sonne tauchte bald auf, bald verzog sie sich wieder hinter grauen Nebeln; der Wind heulte und brauste wild, um sich dazwischen wieder, einer zischenden Schlange gleich, am Boden zu winden. Das Ende des Mantels, welches der Diakon über seinen Kopf gezogen hatte, war längst vom Winde emporgerissen und flatterte hin und her, und wenn die Sonne hinter den Wolken hervorschaute, fielen ihre grellen Strahlen gerade auf das Heldenantlitz Achillas. Trotzdem erwachte er nicht. Es war schon ganz warm geworden und auf dem zerstampften Stoppelfeld, das Achilla sich zur Lagerstatt gewählt hatte, zeigten sich die letzten verspäteten Bewohner des toten Kornfeldes: über Achillas Stiefel kroch ein harter schwarzer Ohrwurm, und seinen Bart entlang kletterte mühsam und zitternd eine frosterstarrte Hummel. Das arme Insekt, das in dem dichten Barte des Diakons einen warmen Unterschlupf gefunden hatte, fing bald an zu krabbeln und zu zappeln, wovon der Diakon erwachte. Er prustete laut, reckte sich, sprang auf, warf sein Bündel über die Schulter und schritt der Stadt zu.
Als der Abend dämmerte, hatte er auch die übriggebliebenen fünfunddreißig Werst zurückgelegt, und angesichts der Kreuze der städtischen Kirchen setzte er sich an den Rand des Straßengrabens und beschloß, zum erstenmal, seit er ausgewandert, etwas Speise zu sich zu nehmen. Die beiden Fladen holte er aus seiner Tasche, welche sie rund eine Woche beherbergt hatte, legte den einen auf den andern und begann mit großem Appetit zu kauen. Aber die ganze Portion vermochte er doch nicht zu zwingen und steckte den Rest wieder in die Tasche, um zur Stadt zu wandern. Nachdem er bei bekannten Seminaristen übernachtet hatte, ging er gleich früh am nächsten Morgen zum Adelsmarschall Tuganow, ließ sich bei ihm melden und setzte sich auf eine Bank im Vorzimmer.
Eine Stunde verging und noch eine. Niemand kümmerte sich um Achilla. Mehrere Male schon hatte er den vorüberlaufenden Diener gefragt:
»Herr Haushofmeister, wann wird man mich denn rufen?«
Aber der Herr Haushofmeister würdigte den bäuerisch aussehenden Diakon in der Nankingkutte nicht einmal einer Antwort.
Von der gestrigen Wanderung noch müde, wäre Achilla fast eingeschlafen, doch besann er sich, daß es hier doch nicht recht schicklich sei. So beschloß er, sich lieber die Zeit durch Essen zu vertreiben, was ihm die von vorgestern übriggebliebenen Stücke der Zwiebelfladen sehr gut ermöglichten. Kaum jedoch hatte er die Reste aus der Tasche seines Leibrocks herausgeholt und sich darangemacht, den Staub von ihnen zu blasen, als er plötzlich zur Salzsäule erstarrte, dann emporsprang und, wie von einem giftigen Insekt gestochen, durch die vornehmen Gemächer des Hauses zu rasen begann. Zufälligerweise geriet er bald in das Arbeitszimmer des Adelsmarschalls, und als er sich ihm von Angesicht zu Angesicht gegenübersah, brüllte er los:
»All ihr heiligen Väter! Wer an Gott glaubt, muß mir helfen! Sehen Sie doch, was mir für ein Unglück passiert ist!«