Eine Stunde war vergangen und die Totenmesse beendet. Die Serbolowa und ein entfernter Vetter von ihr, ein gewisser Darjanow, hatten beim Propst Tee getrunken und waren fortgegangen. Die Serbolowa wollte gegen Abend, wenn die Sonne nicht mehr so heiß brannte, auf ihr Gut zurückkehren. Jetzt aber gedachte sie etwas zu ruhen. Darjanow sollte mit ihr bei der alten Prepotenskaja Mittag essen, wohin Tuberozow später ebenfalls kommen wollte, um ein Gläschen Tee zu trinken und seinem lieben Beichtkinde das Geleite zu geben.


Neuntes Kapitel.

Öde, traurig und eintönig ist der Anblick der menschenleeren Straßen unserer Kreisstädte zu jeder Zeit; aber nie erscheinen sie so ausgestorben wie an einem heißen Sommermittag. Der dicke, graue Staub, den stellenweise die Spuren von Wagenrädern durchfurchen, das schläfrige, welke Gras, das die ungepflasterten Straßen an der Seite, wo die Trottoirs anzunehmen sind, umsäumt, die grauen, halbverfaulten, schiefen Zäune, die Kirchentüren mit ihren schweren Hängeschlössern, die Holzbuden, die von ihren Besitzern verlassen und mit zwei übers Kreuz geschlagenen Brettern verbarrikadiert sind, – alles das schlummert in der Mittagshitze so verführerisch, daß der Mensch, der verurteilt ist, in dieser Umgebung zu leben, ganz von selbst alle Munterkeit verliert und auch matt wird und einschläft.

Um diese Stunde war es, als Valerian Nikolajewitsch Darjanow, nachdem er einige öde Straßen durchschritten hatte, in ein enges Gäßchen einbog, das durch einen alten Gitterzaun völlig abgeschlossen ward. Hinter dem Zaun war eine Kirche sichtbar. Darjanow bückte sich tief und trat durch das niedrige Pförtchen in den Kirchhof. Hier stand in einer Ecke das kaum bemerkbare Hüttchen des Kirchenwächters, und weiter hinten, inmitten eines ganzen Waldes verfallener Grabkreuze, verbarg sich das niedrige, dreifenstrige Häuschen der Hostienbäckerin Prepotenskaja.

Der Friedhof war frei von dem Staube, der in dicker Schicht alle Straßen und Plätze der Stadt bedeckte. Hier wuchs schönes grünes Gras, und zwei Hühner, die sich im weichen Staube im Sonnenschein ausliegen wollten, mußten vor die Pforte hinaus und sich unter der Schwelle in den weichen Staub eingraben, so daß man sie kaum sehen konnte. Dort lagen sie meist den ganzen Tag, fest überzeugt, daß keiner sie stören werde. Als Darjanow über sie hinwegschritt, rührten sie sich nicht; jedes öffnete nur eins seiner bernsteinfarbenen Augen, begleitete den Gast mit einem schläfrigen Blick und schloß dann die grauen Lider wieder. Darjanow ging geradewegs auf das Pförtchen des Prepotenskijschen Hauses zu und schlug mit dem schweren eisernen Ring gegen das Holz. Alles blieb stumm. Kein Hund bellte, keine menschliche Stimme ließ sich vernehmen. Darjanow klopfte noch einmal, aber wieder erfolglos. Dann ließ er alle Hoffnung fahren, kroch unter dem Lattenwerk hindurch ins Himbeergesträuch, welches das Haus der Hostienbäckerin dicht umgab, und schaute in eins der Fenster. Diese waren gegen die Sonnenhitze durch Läden geschlossen, aber durch die breiten Ritzen konnte man den ganzen Innenraum übersehen. Es war ein großes, hohes Zimmer, fast ohne Möbel, mit zwei Türen, durch deren eine man in eine zweite, winzige blaue Kammer mit einem hohen Bett blickte, über welchem eine aus Kattunflicken zusammengenähte Decke lag.

Das große, leere Zimmer gehörte dem Lehrer Warnawa, die kleine Kammer seiner Mutter. Das ganze Haus bestand nur aus diesem zwei Räumen, denn die winzige Küche, in der man sich kaum umdrehen konnte, zählte nicht mit.

Augenblicklich standen beide Zimmer leer, aber Darjanow hörte im Vorhause hinter der Tür eifrig jemand mit dem Hackmesser arbeiten, und im Garten unter dem Fenster schien entweder Ziegel gerieben oder Eisen gefeilt zu werden. Durchaus überzeugt, alles Klopfen führe zu nichts, trat Darjanow an den Zaun, der das Gärtchen umgab, und begann eine neue Musterung durch den Spalt, den er zwischen den Brettern entdeckte. Es war aber nicht so leicht, denn an den Zaun lehnte sich dichtes Gesträuch, das den Menschen, der da mit den Ziegeln oder der Feile arbeitete, nicht sehen ließ. Darjanow mußte sich einen neuen Beobachtungspunkt suchen. Er trat mit der Fußspitze auf ein vorspringendes Brett, faßte mit der Hand den oberen Rand des Zaunes und schwang sich empor. Jetzt konnte er den ganzen kleinen, aber dichtbewachsenen und sehr reinlich gehaltenen Garten übersehen. Quer hindurch ging ein von der Hostienbäckerin eigenhändig angelegter, sauber mit gelbem Sand bestreuter Weg, auf welchem der Lehrer Warnawa saß. Er hielt die ausgestreckten Beine auseinandergespreizt, wie Kinder beim Ballspielen. Zwischen seinen Knien lag auf dem Sande ein ganzer Haufen Menschenknochen und ein Bogen blaues Packpapier. In jeder Hand hielt er einen Ziegelstein und rieb sie mit gewaltiger Kraftanstrengung aneinander. Der Schweiß floß in Strömen über sein Gesicht, obgleich er im Schatten saß und alle irgend überflüssigen Toilettenstücke abgelegt hatte. Er war barfuß und nur mit Hemd und Hose, welch letztere nur durch einen Träger gehalten wurde, bekleidet.