Als der Zwerg in seiner Erzählung so weit gekommen war, fingen seine dünnen Augenlider plötzlich heftig zu zucken an, er sprang hastig von seinem Stuhl auf, lief in eine Ecke, wischte sich dort mit einem weißen Tüchlein die Augen und kehrte mit verschämtem Lächeln auf seinen Platz zurück. Nachdem er sich wieder gesetzt hatte, begann er mit einer ganz anderen, feierlichen Stimme:
»Ich war früh aufgestanden, werte Herrschaften, war ganz leise mich waschen gegangen, denn ich schlief ja zu Füßen ihres Bettes, hinter einem Schirm auf einem Teppich. Dann war ich in die Kirche gegangen, um beim Vater Alexei einen Dankgottesdienst nach der Frühmesse zu bestellen. Wie ich nun, werte Herrschaften, in die Kirche komme, gehe ich geradewegs nach dem Altar, um vom Vater Alexei den Segen zu empfangen, und sehe, daß Vater Alexei ein so seltsam frohes Gesicht macht und mir so herzlich zur großen Freude gratuliert. Ich bezog das natürlich auf den Festtag und auf meinen Namenstag. Aber was sollte nun kommen, meine lieben und werten Herrschaften! Ich trete auf den linken Altarflügel hinaus, – und sehe plötzlich mitten im Volke mein Mütterlein und meinen Vater und meinen Bruder Iwan Afanasjewitsch. Den Vater und die Mutter fand ich in der Menge nicht gleich heraus, aber der Bruder Iwan Afanasjewitsch … der war ja der reine Gardehusar. Ihn sah ich sofort. Erst dachte ich, es wäre eine Vision! Denn ich hatte mich an diesem Tage so sehr nach ihnen gesehnt. Aber nein, es war keine Vision! Ich sah meine Mutter – sie war eine Bäuerin – bitterlich weinen und dachte, sie habe ihre Herrschaft um Urlaub gebeten und den weiten Weg gemacht, um ihr Kind wiederzusehen. Natürlich wollte ich den Gottesdienst nicht stören und ging wieder in den Altarraum zurück. Wie ich aber nach Schluß der Messe heraustrete, da erblicke ich vor dem Betpult mit dem Heiligenbilde Marfa Andrejewna selber; und hinter ihr meine Schwester Maria Afanasjewna, die Sie hier sehen, meine Eltern und meinen Bruder. Ich gehe auf Marfa Andrejewna zu, um sie zu begrüßen. Sie aber schiebt mich leise mit der Hand beiseite und sagt:
›Geh erst und begrüße deine Eltern.‹
So begrüßte ich den Vater, die Mutter, den Bruder, unter Tränen. Nur meine Schwester Maria Afanasjewna weinte nicht, denn sie hat einen besseren Charakter. Ich aber bin so schwach, daß ich immer weinen muß. Nun traten wir aus der Kirche heraus und meine gnädige Herrin nimmt ein Beutelchen aus der Tasche – ich hatte selbst gesehen, wie sie diesen Beutel strickte, aber ich wußte natürlich nicht, für wen er bestimmt war – und sagt zu mir: ›Nun beschenke die Deinigen, Nikolascha.‹ Ich greife in den Beutel, dem Vater gab ich einen Silberrubel, der Mutter einen Silberrubel, dem Bruder Iwan Afanasjewitsch einen Rubel. Es waren lauter ganz neue Rubel! Im Beutel aber lagen noch vier Rubel. ›Wer soll denn die noch bekommen, Mütterchen?‹ frage ich meine gnädige Herrin. Aber da sehe ich schon den Verwalter Dementij, der mir meine Schwägerin und ihre drei Kinder zuführt, alle in langen Röcken. Dank der großen Gnade meiner Herrin konnte ich auch sie noch beschenken, ehe wir aus der Kirche alle zusammen nach Hause gingen. Vor dem Herrenhaus bemerkte ich drei Wagen, mit den Gutspferden meiner gnädigen Herrin bespannt. Die beiden Pferdchen meines Bruders waren hinten angebunden, und das ganze Gepäck der Eltern und des Bruders lag auf dem Wagen. Dies machte mich ganz verwirrt, und ich wußte nicht mehr, was ich sagen sollte. Marfa Andrejewna war die ganze Zeit mit dem Vater Alexei vorausgegangen und hatte von der Ernte gesprochen und mich anscheinend gar nicht beachtet. Jetzt aber, wie sie eben die Verandastufen hinauf will, wendet sie sich nach mir um und geruht also zu sprechen: ›Hier hast du einen Freibrief, mein braver Knecht, deine Eltern und dein Bruder nebst Kindern sind von mir losgekauft.‹ Und damit schob sie mir das Papier hinter die Weste … Das war zu viel für mich …«
Nikolai Afanasjewitsch hob die Hände bis zur Höhe seines Gesichts und sagte:
»›Du!‹ rief ich wie wahnsinnig, ›du willst mich durch das Übermaß deiner Güte ganz erdrücken!‹ Es schnürte mir die Kehle zusammen, meine Schläfen hämmerten, vor meinen Augen zuckten bunte Flämmchen, und ich fiel bewußtlos vor dem Wagen meines Vaters nieder, den Freibrief an die Brust gedrückt.«
»Ach du, Alter! So viel Gefühl hast du!« rief der Diakon Achilla gerührt und schlug Nikolai Afanasjewitsch auf die Schulter.
»Ja,« fuhr der Zwerg fort, nachdem er sich den Mund gewischt hatte. »Ich kam erst nach neun Tagen wieder zu mir, denn ich war an einem schweren Fieber erkrankt. Und wie ich mich umschaute, sah ich meine gnädige Herrin zu Häupten meines Bettes sitzen: ›Vergib mir um Christi willen, Nikolascha,‹ sprach sie, ›ich verrücktes Frauenzimmer hätte dich beinahe umgebracht!‹ So ein gewaltiger Mensch war sie, die gnädige Bojarin Plodomasowa!«
»Ach du allerliebster Alter!« rief wieder der Diakon Achilla und packte den Zwerg scherzend an einem Knopfe seines Fracks, diesen scheinbar abreißend.
Der Kleine faßte schweigend nach dem Knopf, und als er sich überzeugt hatte, daß er heil und ganz an seinem Platze geblieben war, meinte er: