»Ja, ja, ich bin doch ein ganz unbedeutendes Wesen, aber sie war immer besorgt um mich und schenkte mir ihr Vertrauen; sogar ihren Kummer teilte sie mir mit, besonders als die Trennung von ihrem Sohne Alexei Nikititsch ihr so nah ging. Bekam sie mal einen Brief, dann las sie ihn erst ganz schnell für sich und später las sie ihn mir vor. Sie sitzt und liest vor und ich stehe mit meinem Strickstrumpf daneben und höre zu. Und wenn sie zu Ende ist, sprechen wir über den Brief. ›Jetzt wird er wohl bald Offizier,‹ sagt sie zu mir. Und ich antworte: ›Ja, sicher muß die Reihe schon an ihn gekommen sein.‹ Und sie wieder: ›Was meinst du, Nikolascha, da wird man ihm wohl mehr Geld schicken müssen.‹ – ›Gewiß hat er jetzt mehr nötig, Mütterchen,‹ sage ich. ›Ei freilich, wir haben hier das Geld ja gar nicht nötig.‹ ›Natürlich, Mütterchen, wozu brauchen wir Geld?‹ Meine Schwester Maria Afanasjewna aber schweigt still, und das ist meiner gnädigen Herrin nicht recht und sie wird gleich böse. ›Ach, du Holzklotz,‹ sagt sie. ›Ja, die wußten, was sie taten, als sie dich mir umsonst als Zugabe zum Bruder überließen.‹«

Nikolai Afanasjewitsch besann sich plötzlich, wurde ganz rot und sagte zu seiner stumpfsinnigen Schwester:

»Nehmt mir's nicht übel, Schwesterlein, daß ich das erzähle.«

»Erzählt nur, erzählt nur, es tut nichts,« antwortete Maria Afanasjewna, mit der Zunge gegen die Backe stoßend.

»Nun, und euch beiden hat sie die Freiheit nicht geben wollen?« fragte jemand.

»Die Freiheit? Nein, freigegeben hat sie uns nicht. Meine Schwester Maria Afanasjewna stand wohl mit drin im Freibrief, den sie meinen Eltern gegeben, aber mich wollte sie nicht fortlassen. Mitunter sagte sie: ›Wenn ich tot bin, magst du leben, wo du willst (denn sie hatte ein kleines Kapital als Pension für mich angelegt), aber solange ich am Leben bin, lasse ich dich nicht frei.‹ – ›Ach, Mütterchen,‹ sagte ich darauf, ›was soll ich mit der Freiheit? Mich hacken doch die Spatzen tot!‹«

»Ach, du kleiner Kerl!« rief Achilla gerührt.

»Er war ja in allem ihre rechte Hand, unser Nikolai Afanasjewitsch,« fiel Tuberozow ein.

»Ja, Vater Propst, ich habe ihr gedient, so gut ich's verstand. Wenn die Selige nach Moskau oder Petersburg reiste, nahm sie nie eine Zofe mit. Sie konnte weibliche Bedienung auf Reisen nicht leiden. Oft sagte sie: ›So eine Prinzessin Pumfia tut nichts weiter als quasseln und im Gasthof im Korridor herumlungern und Bekanntschaften machen. Mein Nikolascha aber sitzt hübsch still im Winkel, wie ein Hase.‹ Sie betrachtete mich gar nicht als Mann, sondern nannte mich immer nur Hase.«

»Ein Karnickelchen,« sagte Achilla lachend und streichelte die Schultern des Kleinen.