»Hast du mich lieb, hast du mich wirklich, wirklich lieb?«
»Ja, ich hab’ dich lieb – so lange schon, ach, wie lange schon.«
Ganz, ganz anders waren sie schon wenige Tage darauf. Frost und Schnee waren hereingebrochen mit Macht, und Asmus schlug ihr einen Ausflug »ins Grüne« vor. Nach dem »Quellental« wollten sie wandern und die Elbe hinab. Ludwig Semper würde zu diesem
Ausflug »bei dieser Kälte« lange den Kopf geschüttelt haben, wenn er darum gewußt hätte; aber darin folgte sein Sohn ihm nicht; Winterwanderungen, die liebte er vor allen andern; da gab es einen Kampf mit Frost und Wind, und wenn er dann durchgekämpft war, dann glühte in Wangen und Herzen eine ganz besondere, eine ganz wundersame Wärme auf, die war ganz anders als Lenz- und Sommerglut. Es war eigenes, selbstentzündetes Feuer! Und wie heilig schön die Winterwelt! Seltsam: die ersten Lieder, die der Zauber der Natur ihm entrungen hatte, waren Winterlieder gewesen. Aber er sang sie nicht in Wehmut und Trauer; der Winter war ihm Andacht und Stille, niemals Tod; denn in seinem Herzen glomm wie eine ewige Lampe die Gewißheit des Frühlings. So kam es denn ganz von selbst, daß Asmus, als sie auf frostklingenden Wegen dahinschritten und sein schüchternes Schnurrbärtchen von lauter Eisnadeln starrte, also zu singen anhob:
Die linden Lüfte sind erwacht, Sie säuseln und weben Tag und Nacht; Sie schaffen an allen Enden.
und daß er erschrak, als Hilde in ein lautes Lachen ausbrach.
»Herr Professor, Herr Professor, es ist Winter!« rief sie; da verstand er sie und lachte nun auch aus vollem Halse; weil sie aber so ganz besonders schön lachte, küßte er sie sieben
Mal auf den winterfrischen Mund, und dabei lachten sie, weil das Lied so gar nicht paßte, und ihre Augen wurden feucht, weil es doch so gut paßte.
Nun fand er Gefallen an dieser Antithese, und während der Schnee unter ihren Füßen knirschte, sang er:
Wie herrlich leuchtet Mir die Natur, Wie glänzt die Sonne, Wie lacht die Flur!