»Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen Den müden Geist zu dichterischem Flug, Und schon seit langem streb’ ich ernst genug, Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen ..«

Es war ein Sonett, in dem der Verfasser den Freund mit aller schwärmenden Begeisterung der Jugend pries.

»Ich hab’ – ’ne ganze Nacht – daran gezimmert,« hauchte der Kranke mit ironischem Lächeln. »Du wirst darüber lachen ....«

Die Wärterin erschien und mahnte mit einem Blick, der keinen Widerspruch duldete, zum Aufbruch. Asmus ergriff die Hand des Freundes und beugte sich über ihn, und sie hatten in diesem Augenblick beide dasselbe Gefühl: der Freund kam ihm mit mühsam erhobenem Haupte entgegen, und sie küßten sich auf den Mund.

Das ist unter niederdeutschen Jünglingen etwas Seltenes und Heiliges. Asmus pflegte nicht einmal seine Geschwister, nicht einmal seine Eltern zu küssen; er hatte nicht einmal seine

Brüder geküßt, als sie nach Amerika gingen. Die Menschen dieses Himmelsstrichs, wenn sie Abschied nehmen, tun es mit einem Händedruck und mit dem Verlangen nach einer Umarmung; aber sie geben diesem Verlangen keinen Ausdruck.

Schon am folgenden Tage erhielt Asmus die Todesnachricht.

Bei dem Begräbnis ging es ihm wie bisher bei fast allen Begräbnissen; er konnte nicht andächtig und traurig sein. Dieses herkömmliche Bestattungszeremoniell mit seinem zelotischen Pfaffengesicht (»Jetzt haben wir dich, du Sünder«) mit seiner tristen Banalität war ihm so unsäglich zuwider, daß er zu keinem reinen Gedanken an den Freund kommen konnte. Erst zu Hause dehnte sich wieder das Herz. Er zog sich in sein Zimmer zurück – für die wärmere Jahreszeit war er nun doch mit seinen Studien aus der Zigarrenstube in das Wohnzimmer übergesiedelt – und ging viele Stunden lang auf und ab; nur hin und wieder blieb er am Fenster stehen und blickte nach der Richtung, wo sein Freund nun in der Erde lag. Trauriger Wahn, dachte er, auch den toten Menschen noch an die finstere Erde zu kerkern, statt ihn den freien, seligen Lüften zu geben.

Von dem endlosen Wandern erschöpft, fiel er endlich aufs Sofa und wußte nicht, warum er so erschöpft sei. Als er sich erholt hatte, zog er die Lampe näher heran, desgleichen Tinte und Papier und begann zu schreiben:

An meinen toten Freund A. S.