„Von ernstlicher Erkrankung habe ich nicht gesprochen“, entgegnete ich ruhig, und diese Bemerkung war auch sehr angebracht; denn im selben Augenblick stürmte die kleine Luise mit zwei Bauernbengeln unter großem Hallo aus dem nahen Walde. Das Mädel hat sich bei uns inzwischen völlig eingerichtet, und von Schüchternheit ist gar keine Rede mehr. Jetzt kam sie auf mich zugestürmt.
„Ach, Onkel – ich wußte gar nicht, daß du hier oben bist. Wir spielen gerade Haschen.“
Anneliese liebkoste das Kind, und Eva Bunkert kniff es in die Wangen, daß es quiekte. Aufmerksam betrachtete Eva die Züge Luisens.
„Von ihrem Vater hat sie gar nichts“, sagte sie, „sie muß ganz nach der Mutter sein.“
„Im Gegenteil“, entgegnete ich, „das Kind ist das ganze Abbild des Vaters.“
„Dann habe ich auf ihn vergessen“, sagte Eva mit fast trauriger Stimme.
Mister Brown atmete schwer. Ein so schwefelgelb giftiger Blick schoß um den Buchenstamm herum auf mich zu, daß ich meiner Sache immer gewisser wurde. Und was hatte dieser Journalist gesagt? Er habe es sehr eilig, nur eine Viertelstunde Zeit zum Besuch. Jetzt war er schon über zwei Stunden da, und es wurde Abend. Wahrscheinlich würde dieser „Mister Brown“ plötzlich entdecken, daß er Zeit habe, einen ganzen Monat bei uns zu verweilen. Nun wandte er sich Luise zu. Aber es kam nicht so, wie ich dachte. Mister Brown legte ohne jede [pg 175]wärmere Gefühlsbewegung dem Kinde die Hand auf den Kopf und sagte mit der üblichen Kinderfreundlichkeit:
„Luise, ich kenne deinen Papa. Ich fahre wieder zu ihm, ich werde ihm von dir erzählen. Bist du sehr krank gewesen?“
„Pappa soll bald wiederkommen“, antwortete die Kleine.
„Ja, ja! Aber ich frage, ob du sehr krank gewesen bist?“