Cenzi war – wie ich wußte – die Gattin eines Berliner Bankiers. In ihrem Dirndlkostüm sah sie ein wenig schnurrig aus. Methusalem fuhr seine holde Last bis in die Mitte des Hofes, kommandierte „Alles aussteigen!“ und kippte den Schubkarren um. Cenzi quiekte, überkugelte sich zweimal, kam dann jauchzend auf uns zu in einer merkwürdigen Gangart, die etwa so aussah, wie wenn eine Ente den Trippelschritt einer Taube versucht, und sagte:
„Denken Sie, der schlechte Mensch; auf dem Schubkarren fährt er mich, aber zeichnen mag er mich nicht!“ Methusalem schnitt ein Gesicht hinter ihr, das deutlich ausdrückte: „Lohnt nicht den Faßboden!“ Dann sagte er: „Ich bin kein Zeichner; ich bin ein Feldarbeiter. Und das Schubkarrenfahren ist wichtiger für Sie, Cenzi, als das Geporträtiertwerden. Sie haben drei Heukappen auf einen Platz zusammengetragen und waren daher mit Recht so erschöpft, daß Sie per Achse nach Hause gebracht werden mußten.“
„Er ist über so viele Steine hinweggefahren“, klagte Cenzi; „ich bin buchstäblich wie gerädert.“
„Das wird besser werden, Cenzi“, tröstete Methusalem, „wenn unser Vater Barthel erst einen Schubkarren mit Federung und Gummirad angeschafft hat. Es ist ein Skandal, daß er noch keinen solchen besitzt. Er ist ein rückständiger Landwirt.“
„Oh, Sie Spötter!“ flötete Cenzi; „aber passen Sie auf, morgen habe ich wieder drei Pfund abgenommen. Denken Sie, Herr Doktor, neun Pfund habe ich bei [pg 210]Ihnen in zwei Wochen abgenommen, und das ohne jede Medizin.“
Sie setzte sich zu mir und wollte mich in den Zauber eines Gesprächs über ihren Gesundheitszustand verwickeln; ich aber sagte, sie möge das alles ihrem Arzt in der Sprechstunde mitteilen. Da war sie denn auch zufrieden.
Ein Hilfsbriefträger erschien. Er übergab Eva einen Brief. Den Brief hatte die Reichspost mit der richtigen Adresse im Rathaus abgegeben. Dort war der Brief in einen neuen Umschlag gesteckt und mit „Hanne – Forellenhof“ adressiert worden. So hatte ihn der Hilfsbriefträger überbracht. Er blieb nach dieser Amtshandlung wartend stehen.
„Nanu, Briefträger“, sagte Methusalem, „Sie warten wohl auf ’n Trinkgeld? Sie wissen doch, daß wir alle in diesen gesegneten Landen nicht ’n roten Heller in der Tasche haben.“
„Eine Zigarre möcht ich gern“, sagte der Briefträger.
„Gibt’s nicht“, schimpfte Barthel aus der Haustür heraus. „Drei Stück sull a bloß am Tage roochen, und die kriegt a ooch täglich geliefert. Nu is a extra Briefträger geworden, daß a in a Höfen um Tabak rumschnorr’n kann.“