Wir blieben in Neustadt über Nacht. Am nächsten Morgen stand in der „Neustädter Umschau“ ein Artikel mit der zentimetergroß gedruckten Überschrift „Kuranstalt Waltersburg ein Hehlernest???“
Mit der ganzen Niederträchtigkeit, deren der vertrottelte Redakteur dieses Blättchens fähig war, hetzte er gegen unsere Anstalt. Alle Spießerinstinkte, alle Philisterbedenken, alles Kopfschütteln beschränkter, phantasieloser Köpfe wurde gegen die Grundidee unserer Kuranstalt wieder lebendig; die Schimpferei begann wieder, der alte lendenlahme Spott humpelte neu auf den Plan. Der Artikel endete schließlich mit einer schamlosen Denunziation:
„Das Gesetz, das bei uns in Neustadt heilig gehalten wird, verbietet uns, zu behaupten, daß sich die ‚Kuranstalt Waltersburg Ferien vom Ich‘ infolge ihrer mehr als eigentümlichen Einrichtungen, wie Verbot, den eigenen Namen zu führen, die eigene Kleidung zu tragen usw., zu einem Zufluchtsort lichtscheuen Gesindels auswächst. Immerhin wird der aufsehenerregende Fall, daß sich ein Raubmörder auf einem der besuchtesten ‚Höfe‘ des ‚Ferienheims‘ mit Wissen des Bauern monatelang verstecken und daselbst allerhand Roheiten ausüben konnte, zu schwersten Bedenken Anlaß geben, denen sich auch die Behörden nicht werden verschließen können.“
Ich sah unser Heim aufs schwerste bedroht, sah eine fürchterliche Waffe in der Hand unserer Feinde. Eben [pg 298]wollte ich den Fall an Stefenson kabeln, da wurden wir zur Polizei beschieden. Es handelte sich, wie uns eröffnet wurde, um eine Konfrontation mit dem gestern Verhafteten, der plötzlich behaupte, weder der gesuchte Raubmörder Josef Wiczorek noch der Knecht Ignaz Scholz zu sein.
Da mich der Polizeibeamte persönlich kannte, hatte ich nicht notwendig, mich zu legitimieren, wurde aber aufgefordert, Herrn Pieseckes Persönlichkeit festzustellen, und zwar nach seinem wahren Namen und Stand, nicht nach dem Pseudonym, das er bei uns führte. So sagte ich: „Se. Hoheit Prinz Ernst Friedrich von ...“
„Ist das – ist das Ihr Ernst, Herr Doktor?“ fragte der Beamte nicht ohne Bewegung.
„Nicht nur sein Ernst, sondern sogar sein Ernst Friedrich“, sagte Piesecke hohnvoll und hielt dem Beamten seinen Siegelring hin. „Kennen Sie dieses Wappen?“
Der Beamte sah auf das Wappen mit der Krone, stand auf und verneigte sich tief.
Da erschienen zwei Gerichtsdiener mit dem Verhafteten.