„Na selbstverständlich, Sie verwundertes Unschuldslamm! Woran soll man denken als ans Geschäftliche, wenn man ein nicht gar zu schlechter Kaufmann ist?“

Joachim lächelte; mir aber stürzte wieder einmal ein [pg 123]gläsernes Tempelchen ein, in das ich meinen Götzen Stefenson gesetzt hatte.

Stefenson nahm nun meinen Bruder ganz in Anspruch. Er fragte über tausend Dinge aus Amerika. Ich schwieg. Vielleicht war es ganz gut, daß der durch die Heimkehr äußerst aufgeregte Bruder zunächst durch die trostlos nüchternen Schwadronaden dieses Kaufmanns Stefenson abgelenkt wurde.

Wir hatten schon Abendbrot gegessen, als sich Stefenson verabschiedete. Er erzählte, er habe einen kleinen Neffen. Der Vater sei tot, die Mutter an einen gefühllosen Mann wieder verheiratet, der dem sechsjährigen Knaben ein Stiefvater sei. Der Junge sei jetzt bei entfernten Verwandten in Hamburg. Er wolle den Knaben, der Georg heiße, mal probeweise zu sich nehmen; vielleicht, daß etwas aus ihm würde. Die Gründung einer so neuen Gemeinde mit allem ihrem Drum und Dran müsse ja auf einen Jungen einen tiefen Eindruck machen und ihm fürs ganze Leben einige stählerne Gerüstschienen in die Seele spannen. Nun wolle er also mit dem Nachtzug reisen, und er hätte es gern, wenn ich ihn zum Bahnhof begleitete, da er wegen der Vertretung manches Geschäftliche mit mir noch zu erledigen habe, womit er den Bruder nicht langweilen wolle. Als wir auf der Straße waren, sagte Stefenson: „Nun will ich Ihnen was anvertrauen, damit Sie mir nicht hinterher wieder aus dem Häuschen fallen und alles verderben. Also, mein kleiner Neffe, der Georg, ist nämlich gar kein Junge, sondern ein Mädchen – er ist die kleine Luise.“

„Stefenson, Sie sind toll!“

„Nein. Ich bin vernünftig. Die kleine Luise muß Ferien von ihrem Ich machen. Als Mädel ist es ihr hundsmiserabel gegangen, ausgenommen die letzten dreiviertel Jahr, wo sie in dem Institut war, aber auch dort mehr Strenge als Liebe, mehr Dressur als Erziehung genossen hat. Heraus soll sie aus ihrer Haut, ein Junge werden, Courage kriegen, dieses Ducken abgewöhnen, wenn eine Hand nach ihr faßt; nein, sich selbst ’rumhauen mit Buben und Straßenbösewichten und immer bei mir sein und da eine gerechte Behandlung haben.“

Ich ging neben dem sonderbaren Manne her, der so Seltsames und Großes an meinem Leben getan hatte, und versuchte nur, ihn wenigstens zum Aufschieben seiner Idee zu bewegen. Er schlug es rund ab.

Keine Gewalt der Erde, sagte er, werde ihn hindern, das Kind, das es in dem Thüringer Institut viel zu schlecht habe, von dort zu entfernen und es in der Tracht eines Knaben erst mal zur Lebensfreude und zum Bewußtsein seiner Kraft und seines eigenen Wertes zu erziehen.

Ich wußte, daß Mister Stefenson in die kleine Luise vernarrter war, als je ein Vater oder Großvater in ein Kind war. Allmonatlich war er unter irgendeinem Vorwand einmal nach Thüringen verschwunden; das Mädchen hatte sich an den Mann, den sie als ihren liebevollsten Freund erkannte, jedenfalls dankbar angeschlossen, und dem alten Seehund, den wahrscheinlich nie eine zärtliche Hand gestreichelt hatte, tat diese Kindesliebe so wohl, [pg 125]daß er diesmal auf allen kaufmännischen Vorteil vergaß und wie ein verliebter Narr handelte.

Mochte er es tun!