Stefenson reiste ab.
Wie hatte er gesagt? Keine Gewalt der Erde wird mich hindern, das Kind zunächst mal in der Tracht eines Knaben zu erziehen.
Drei Tage nach Stefensons Abreise bekam ich einen Brief von ihm.
„Mein Lieber! Die Idee, Luise als Knaben zu kleiden, habe ich aufgegeben. Denn sie will nicht. Sie heult, daß sie ein Junge werden soll. Auch die Haare mag sie nicht abgeschnitten kriegen. Da ist nichts zu machen; Luise bleibt ein Mädel. Hier lasse ich sie aber nicht; sie hat es viel zu schlecht. Ich will mal sehen, daß ich das Kind zunächst in Neustadt unterbringen kann. Ich weiß da eine gute Familie, die mir den Gefallen gegen Entschädigung tun wird. Und ich kann dann die Erziehung täglich beaufsichtigen. Diskretion Ehrensache, namentlich gegen Ihren Bruder, der mir für die Erziehung des nur außerordentlich geschickt zu behandelnden Kindes nicht geeignet erscheint. Wir kommen Montag mit irgendeinem Zug. Am Bahnhof zu erwarten brauchen Sie uns nicht.
Stefenson.“
*
Am nächsten Tage sollte ich Joachim zum Heimweg abholen und hatte versprochen, vorher die Mutter zu unterrichten.
Wir saßen beim Frühstück zusammen; ich versuchte ein paar Anläufe, brachte aber die Botschaft nicht heraus. Die Mutter verwunderte sich sehr. Dann machte ich einen Spaziergang durch die Stadt. Als ich zurückkam, stand die Mutter am Fenster und schaute wie so oft dem Sprudeln des Johannisbrunnens zu. Die ersten Schneeflocken flogen durch die Luft und hüllten den Platz in traulichen weißen Schimmer; aber die Sehnsucht dieser Frau ging wieder in die Weite, und sie sah nichts von der silbernen Pracht um sich her.
Auch ich war jahrelang in der Fremde. Doch ich war überzeugt, die Mutter hatte kaum einmal an mich gedacht, wenn sie an Joachim siebenmal dachte. Ich ging an ihrer Tür vorbei nach meinem Zimmer. Da saß ich, bis es hohe Zeit war, nach Neustadt aufzubrechen, um zur verabredeten Stunde dort zu sein. Endlich sagte ich mir, daß ich ein Geselle von kindischer Eifersucht sei, und ging in das Zimmer der Mutter.