Sie sang dieses schwermütigste aller Heimatlieder mit tiefer innerer Bewegung, und Mister Brown summte mit näselndem Tone die Begleitung dazu, so wie es die Neger tun, wenn fern der Heimat einer der Ihrigen an der Wand lehnt und das innerste Weh der weltverschlagenen, geknechteten Seele im Liede ausströmen läßt. Dann summen sie alle mit, die Körper werden regungslos, und die [pg 169]großen, heißen Augen starren ins gelbe Licht der matten Lampen ...
Wir gingen weiter und kamen an den Hof am Hange. Dort steht eine große Buche, um die eine Bank läuft. Von hier aus kann man unsere ganze Siedelung überschauen. Warmes Frühlingslicht spielte durch laue Luft, die Zweige trugen alle die kurzen, grünen Kinderkleidchen erster Jugend, die Vögel waren heimgekommen und übten in abgerissenen Trillern und Läufen das große Lebens- und Liebeslied des Maien ein. Da wurde mir das Herz weit. Unsere Siedelung war schön, keine langweilige Linie in ihr, kein Steinkoloß, keine Erinnerung an geschniegeltes, ödes Geputztsein, sondern Heimatlichkeit, Wärme, Frieden.
„Wenn man das sieht“, sagte die kleine Anneliese, „meint man, hier werden immer nur gute Menschen wohnen können. Es ist alles rein und gut; schlechten Leuten würde hier das Herz springen.“
Ich war ihr dankbar und sagte:
„Aber es soll doch eine Zufluchtstätte werden für solche, die nicht glücklich sind, auch wenn sie durch eigene Schuld unglücklich geworden sind.“
„Ich finde“, sagte Eva Bunkert, „in dem Ganzen ist ungeheuer viel Kindliches.“
„Das ist ein hohes Lob, mein Fräulein, was Sie da sprechen“, meinte Mister Brown; „Genialität ist nie etwas anderes als das Ursprüngliche, das Kindhafte. Sie glauben gar nicht, wie kindlich unsere guten amerikanischen Humoristen sind. Ganz im Ernst! Sehen Sie deren [pg 170]Tier- und Kinderbilder an, es ist alles geschaut mit den abgeklärten Augen des ernsten Mannes und alles gefühlt mit dem Herzen des kleinen Buben.“
„Stefenson ist ein Genie“, sagte Eva Bunkert warm.
„Das will ich nicht sagen“, entgegnete Brown, „er ist nur das Werkzeug; der Schöpfer der ganzen Idee ist, wenn ich recht unterrichtet bin, der Herr Doktor, der mit uns auf dieser Bank sitzt.“
Ich wehrte das Lob ab, und Eva Bunkert sagte: