Arjuna
Ich brenne danach, alles von ihr zu hören. Ich bin wie ein Wanderer, der um Mitternacht an eine fremde Stadt kommt. Kuppeln, Türme und Gartenbäume sehen verschwommen und schattenhaft aus, und durch die Stille des Schlafes tönt hin und wieder das dumpfe Klagen des Meeres. Und er harrt sehnsüchtig auf den Morgen, der ihm alle die fremden Wunder offenbaren soll. O, erzähle mir ihre Geschichte.
Chitra
Was ist da mehr zu erzählen?
Arjuna
Meine Einbildung zaubert mir sie vor, wie sie auf weißem Rosse reitet, in der Linken die Zügel haltend und in der rechten Hand den Bogen, gleich der Liebesgöttin, die frohe Hoffnung spendet. Mit wilder Liebe schützt sie ihre säugenden Jungen wie eine wachsame Löwin. Auch des Weibes Arme, die nichts anderes als ungefesselte Kraft schmückt, sind schön! Mein Herz ist ruhelos, Du Liebliche, wie eine Schlange, die aus langem Winterschlaf erwacht. Komm, laß uns miteinander auf schnellen Rossen dahineilen, Seite an Seite, wie Zwillingsgestirne, die leuchtend den Raum durchmessen. Heraus aus diesem dunklen, grünen, einschläfernden Gefängnis, komm hervor unter der feuchten, duftenden, berauschenden Decke, die den Atem benimmt!
Chitra
Arjuna, sag mir die Wahrheit: wenn ich mich jetzt plötzlich durch einen Zauber dieser wollüstigen Weichheit entledigen könnte, diesen zarten Schmelz der Schönheit abstreifte, der vor der derben, gesunden Berührung der Welt schaudert, und das alles von meinem Körper herunterrisse wie geborgtes Gewand — könntest Du das ertragen? Wenn ich mich aufrichte, grade und stark, mit der Kraft eines mutigen Herzens, und die Listen und Künste der kriechenden Schwachheit verächtlich von mir weise, wenn ich mein Haupt erhebe, wie die hohe, junge Bergtanne, und mich nicht länger im Staub winde, wie die Liane, — werde ich dann Gnade finden vor den Augen des Mannes? Nein, nein, Du könntest es nicht ertragen. Es ist besser, ich verstreue um mich all die zierlichen Spielereien flüchtiger Jugend und warte auf Dich in Geduld. Ist's Dir gefällig zurückzukehren, so will ich Dir lächelnd aus dem Becher dieses schönen Leibes den Wein der Lust schenken. Hast Du genug davon und bist Du müde, so will ich mich demütig und dankbar in den Winkel zurückziehen, den man mir gelassen hat. Wie gefiele es Deiner Heldenseele, hoffte die Gespielin der Nacht Deine Gefährtin am Tage zu sein? Wie, wenn der linke Arm die Last des stolzen rechten mit zu tragen lernte?
Arjuna