Keine Seele! Und sie hatte mir doch die meine gegeben ...
Es kam eine Zeit, da merkte ich wohl, wie sie meine Lieder nicht mehr »jung« fand, nicht mehr in mir den Sänger und Dichter sah, sondern nur noch den alternden Mann mit dem schmerzlichen Antlitz, den todtraurigen Augen und den sklavisch gefesselten Händen. Die Zeit kam, wo sie meine Küsse nicht mehr wollte, wo sie fortstrebte von mir.
Fort von mir wollte sie. — Ich aber wollte sie nicht fortlassen. Wie hätte ich sie fortlassen können? Sie war zu meinem Atem geworden; und Atem ist Leben. Ich konnte doch nicht plötzlich aufhören zu atmen, zu sein.
Da machte sie mein Herzblut strömen — nur um von mir fortzukommen. Ich ließ es hinströmen in Fluten. Wenn sie nur bei mir blieb.
Was jetzt folgte, war nichts anderes als meines Schicksals letzte Erfüllung ...
Nach einer mondhellen wütenden Sturmnacht tat ich in der Frühe am Gestade einen seltsamen Fund.
Es war ein Jüngling, ein Menschen-Jüngling! Zugleich das Schönste, was ich jemals erblickt hatte: fast schöner als die Geliebte. Jener Holde dort (der Kentaure deutete auf den ernsthaft zuhörenden Antinous) gleicht dem schlanken Knaben, der in der wilden Mondnacht über den See schwamm — ich erfuhr später weshalb — und der nun am Ufer lag ohne Bewußtsein, ohne Leben.
Ich hob ihn sorgsam auf, trug ihn in die Grotte, bettete ihn auf das Mooslager. Da sah ihn mein Weib, und da wußte ich's denn.
Ich wußte es sogleich ...
Der Jüngling erwachte zum Leben, lag aber im heftigen Fieber. In seinen Phantasien sprach er von der schneeigen Frau, die er vom jenseitigen Ufer aus erblickt hatte, und deretwillen er in der Sturmnacht über den See geschwommen war. Sie stand dabei, hörte sein Seufzen und Sehnen, und lachte.