„Homer: Ilias und Odyssee (in russisch)... sehr großer Einfluß.”
Im Juni 1863 schreibt er in sein Tagebuch: „Ich lese Goethe, und mancherlei Gedanken formen sich in mir.”
Im Frühjahr 1865 liest er aufs neue Goethe, und er nennt „Faust” die Dichtung des Gedankens, die Dichtung, die ausdrückt, was keine andere Kunst zum Ausdruck bringen kann. Später opferte er Goethe wie auch Shakespeare seinem Gotte auf. Aber seiner Bewunderung für Homer blieb er treu. Im August 1857 las er mit gleicher Ergriffenheit die Ilias und das Evangelium. Und in einem seiner letzten Bücher, der Schrift gegen Shakespeare (1903), stellt er Homer als Beispiel der Aufrichtigkeit, des Ebenmaßes und der wahren Kunst Shakespeare gegenüber.
[96] (S. 56): Tolstoi begann das Werk im Jahre 1863 mit den „Dekabristen”, wovon er drei Bruchstücke schrieb. Aber er kam zu der Überzeugung, daß das Fundament seines Gebäudes nicht fest genug begründet war, und indem er weiter zurückschürfte, gelangte er zur Epoche der Napoleonischen Kriege und schrieb „Krieg und Frieden”. Die Veröffentlichung nahm ihren Anfang im Januar 1865 im „Russki Viestnik”; der sechste Band wurde im Herbst 1869 beendet. Dann ging Tolstoi weiter in der Geschichte und entwarf den Plan zu einem epischen Roman über Peter den Großen und dann zu einem anderen, „Mirowitsch”, über die Herrschaft der Kaiserinnen des 18. Jahrhunderts und ihrer Günstlinge. Er arbeitete von 1870-1873 daran, vergrub sich in Dokumente und entwarf mehrere Szenen; aber bei der ihm eigenen Genauigkeit des Realisten hatte er das Gefühl, daß es ihm niemals gelingen würde, den Geist jener vergangenen Zeiten genügend wahrhaft getreu wiederaufleben zu lassen, und er verzichtete daher auf die Ausführung seines Planes. — Später, im Januar 1876, bewegte ihn der Gedanke an einen neuen Roman aus der Zeit Nikolaus I.; dann machte er sich wieder mit Leidenschaft im Jahre 1877 an die „Dekabristen”, sammelte Zeugnisse von den wenigen Überlebenden aus jener Zeit und suchte die in Betracht kommenden Orte auf. 1878 schrieb er an seine Tante, die Gräfin A. A. Tolstoi: „Dieses Werk ist für mich so wichtig! Sie können sich nicht denken, wie wichtig es für mich ist; so wichtig, wie es für Sie Ihr Glaube ist. Ich möchte sagen: noch wichtiger.” — Aber er entfernte sich davon in dem Maße, als er sich in den Gegenstand vertiefte: sein Denken gehörte ihm nicht mehr. Bereits am 17. April 1879 schrieb er an Fet: „Die Dekabristen? Gott weiß, wo sie sind!... Ich wiege mich in der Hoffnung, daß, wenn ich daran dachte, wenn ich schrieb, der Hauch meines Geistes allein schon denen unerträglich sein würde, die zum Wohl der Menschheit auf die Menschen schießen.” — Zu diesem Zeitpunkt seines Lebens hatte die religiöse Krisis eingesetzt: er ging daran, alle seine alten Götzen zu verbrennen.
[97] (S. 61): Peter Besukow, der Natascha geheiratet hat, wird ein Dekabrist sein. Er hat eine geheime Gesellschaft gegründet, um über das allgemeine Wohl zu wachen, eine Art Tugendbund. Natascha schließt sich schwärmerisch seinen Plänen an. Denissow will nichts von einer friedlichen Revolution wissen, sondern ist zu einem bewaffneten Aufstand bereit. Nikolaus Rostow hat sich seinen blinden Soldatengehorsam bewahrt. Er, der nach Austerlitz sagte: „Wir haben nur etwas zu tun: unsere Pflicht zu erfüllen, uns zu schlagen und niemals zu denken”, er ereifert sich gegen Peter und sagt: „Mein Eid vor allem! Wenn man mir beföhle, mit meiner Schwadron gegen dich zu marschieren, würde ich marschieren und losschlagen.” Seine Frau, Prinzessin Marie, billigt es. Der Sohn des Fürsten Andrej, der kleine Nikolaus Wolkonski, zart bis zur Krankhaftigkeit, aber reizend, mit großen Augen und goldenen Haaren, hört mit seinen fünfzehn Jahren fieberhaft dem Streit zu; seine ganze Liebe gehört Peter und Natascha; Nikolaus und Marie liebt er kaum; er hegt für seinen Vater, den er nie gesehen hat, eine wahre Verehrung; er träumt davon, ihm zu gleichen, groß zu sein und etwas Großes zu vollbringen, was? — das weiß er nicht... „Was Sie auch sagen, ich werde es tun... Ja ich werde es tun. Er selbst würde es gebilligt haben.” — Und das Werk endet mit dem Traum eines Kindes, das sich als einen plutarchischen Helden fühlt, zusammen mit seinem Onkel Peter, vom Ruhm umwittert und von einem Heer begleitet. — Wenn die „Dekabristen” damals geschrieben worden wären, dann hätte der kleine Wolkonski zweifellos darin die Rolle eines Helden gespielt.
[98] (S. 62): Ich habe gesagt, daß die beiden Familien Rostow und Wolkonski in „Krieg und Frieden” in vielen Zügen an Tolstois Familie väterlicherseits und mütterlicherseits erinnern. Auch in den Berichten aus dem Kaukasus und aus Sewastopol finden sich mehrere Figuren von Soldaten und Offizieren aus „Krieg und Frieden”.
[99] (S. 64): Brief vom 2. Februar 1868, den Birukow anführt.
[100] (S. 64): Vornehmlich, so sagte er, den Fürsten Andrej im ersten Teil.
[101] (S. 64): Es ist bedauerlich, daß die Schönheit der dichterischen Schöpfung manchmal durch philosophisches Gerede, mit dem Tolstoi sein Werk überlädt, beeinträchtigt wird, vor allem in den letzten Teilen. Er sucht seine Theorie vom Fatum der Geschichte zu entwickeln, und das Unglück ist, daß er endlos darauf zurückkommt und sich unentwegt wiederholt. Flaubert, der beim Lesen der beiden ersten Bände, welche er „göttlich” und „voll von Stellen im Shakespeareschen Geiste” nannte, „Bewunderungsrufe ausstieß”, warf den dritten Band gelangweilt in die Ecke: „Er fällt schrecklich ab. Er wiederholt sich, und er philosophiert. Man sieht den Herrn Grafen, den Verfasser und den Russen, während man bisher nur die Natur und die Menschheit gesehen hatte”. (Brief an Turgenjew, Januar 1880.)
[102] (S. 66): Brief an seine Frau (aus den Archiven der Gräfin Tolstoi), von Birukow angeführt.