[113] (S. 73): Das Böse ist, was für die Welt vernünftig ist. Das Opfer, die Liebe, gilt als Unvernunft.

[114] (S. 75): „Jetzt treibe ich mich aufs neue an die langweilige und platte ‚Anna Karenina’ mit dem einzigen Wunsch, sie so rasch wie möglich loszuwerden...” (Briefe an Fet, 26. August 1875.) — „Ich muß den Roman, der mich langweilt, zu Ende bringen.” (Briefe an Fet, 1. März 1876.)

[115] (S. 75): „Beichte” (1879).

[116] (S. 75): Ich fasse hier mehrere Seiten aus der „Beichte” zusammen und behalte Tolstois Ausdrücke bei.

[117] (S. 76): Vgl. „Anna Karenina”: „Und Lewin, geliebt, glücklich, Familienvater, schaffte alle Waffen außer Greifweite, als fürchtete er, er könnte der Versuchung erliegen, seiner Qual ein Ende zu machen.” — Dieser Geisteszustand war Tolstoi und seinen Helden nicht allein eigentümlich. Es fiel Tolstoi auf, wie sehr die Zahl der Selbstmorde in den besseren Kreisen Europas und besonders in Rußland im Wachsen begriffen war. Er nimmt häufig in seinen Werken aus jener Zeit darauf Bezug. Man könnte behaupten, daß eine große Woge von Neurasthenie über das Europa von 1880 hingegangen sei, die Tausende von Menschen verschlungen habe. Die damals jung waren, bewahren sich die Erinnerung daran, und für sie hat Tolstois Stellungnahme zu jener menschlichen Krisis historischen Wert. Er hat die heimliche Tragödie einer Generation geschrieben.

[118] (S. 77): „Beichte.”

[119] (S. 77): Tolstois Bildnisse aus jener Zeit verraten diesen volkstümlichen Charakter. Ein Bild von Kramskoi (1873) — s. Titelbild dieses Buches — stellt ihn in der Muschikbluse dar, mit vorgeneigtem Kopf und dem Aussehen eines deutschen Christus. Das Haar beginnt sich an den Schläfen zu lichten, ein Bart umrahmt die hohlen Wangen. — Auf einem anderen Bild aus dem Jahre 1881 hat er das Aussehen eines Werkführers im Sonntagsstaat: die Haare kurz geschnitten, mit vollem Backenbart; der untere Teil des Gesichts erscheint viel breiter als der obere; gerunzelte Augenbrauen, ein mürrischer Augenausdruck, eine breite Hundenase und ungeheure Ohren.

[120] (S. 79): „Beichte.”

[121] (S. 79): Es war aber nicht das erstemal. Der junge Freiwillige im Kaukasus, der Offizier von Sewastopol, Olenin in den „Kosaken”, Fürst Andrej und Peter Besukow in „Krieg und Frieden” hatten ähnliche Erscheinungen gehabt. Aber Tolstoi war so von Leidenschaft erfaßt, daß er jedesmal, wenn er Gott entdeckte, glaubte, es sei das erstemal und es habe vorher nur Nacht und Nichts um ihn geherrscht. Er sah in seiner Vergangenheit nur Dunkel und Schande. Wir, die wir aus seinem Tagebuche die Geschichte seines Herzens besser kennen als er selbst, wissen, wie tief religiös dieses Herz immer, selbst in seinen Verirrungen, gewesen ist. Er gibt es übrigens an einer Stelle der Vorrede zur „Kritik der dogmatischen Theologie” zu, wo er sagt: „Gott! Gott! ich habe geirrt, ich habe die Wahrheit gesucht, auch wo es nicht nötig war. Ich wußte, daß ich irrte. Ich schmeichelte meinen bösen Leidenschaften, die ich als böse erkannt hatte, — aber ich vergaß dich nie. Ich habe dich immer gefühlt, selbst wenn ich mich verirrte.” — Die Krisis von 1878/79 war nur heftiger als die früheren, vielleicht unter dem Einfluß der wiederholten Trauerfälle und des herannahenden Alters. Und das einzig Neue an ihr lag darin, daß, während früher die Erscheinung Gottes sich verflüchtigte, ohne Spuren zu hinterlassen, sobald die Flamme der Verzückung erloschen war, sich nun Tolstoi, belehrt durch die frühere Erfahrung, beeilte, den „Weg zu gehen, solange das Licht leuchtete”, und ein ganzes Lebenssystem aus seinem Glauben abzuleiten. Auch das hatte er vielleicht schon einmal versucht (man erinnere sich an seine „Lebensregeln”, die er als Student aufgestellt hatte), aber mit seinen fünfzig Jahren lief er weniger Gefahr, sich durch die Leidenschaften von dem eingeschlagenen Weg abbringen zu lassen.

[122] (S. 79): Der Untertitel der „Beichte” lautet „Einführung in die Kritik der dogmatischen Theologie und die Prüfung der christlichen Doktrin”.