[123] (S. 80): „Ich, der ich Wahrheit und Liebe einander gleichstelle, war betroffen von der Tatsache, daß die Religion selbst zerstörte, was sie aufbauen wollte.” („Beichte”)
[124] (S. 80): „Und ich habe mich davon überzeugt, daß die Lehre der Kirche theoretisch eine arglistige und schädliche Lüge und praktisch eine Mischung aus schlimmstem Aberglauben und Zauberkünsten ist, worunter der Sinn der christlichen Lehre gänzlich verschwunden ist.” (Antwort an den Heiligen Synod vom 4.-17. April 1901.) — Siehe auch „Kirche und Staat” (1883). — Das schwerste Verbrechen, das Tolstoi der Kirche vorwirft, ist ihre „gottlose Allianz” mit der weltlichen Macht. Sie habe dadurch die Heiligkeit des Staates und die Heiligkeit der Gewalt bestätigt. Es sei ein Bündnis von Räubern und Lügnern.
[125] (S. 81): In dem Maße, als er älter wurde, verstärkte sich dieses Gefühl von der Einheit der religiösen Wahrheit im Verlauf der Geschichte der Menschheit und der Verwandtschaft Christi mit den anderen Weisen seit Buddha bis zu Kant und Emerson derart, daß Tolstoi sich in den letzten Lebensjahren dagegen verwahrte, „eine besondere Vorliebe für das Christentum” zu haben. In diesem Sinne ist von ganz besonderer Wichtigkeit ein Brief, den er zwischen dem 27. Juli und dem 9. August 1909 an den Maler Jan Styka schrieb. Seiner Gewohnheit gemäß neigt Tolstoi, wenn er von seiner neuen Überzeugung ganz erfüllt ist, dazu, etwas gar zu sehr seinen früheren Seelenzustand und den rein christlichen Ausgangspunkt seiner religiösen Krisis zu vergessen: „Die Lehre Christi”, schrieb er, „ist für mich nur eine der schönen religiösen Doktrinen, die wir aus dem ägyptischen, jüdischen, indischen, chinesischen, griechischen Altertum übernommen haben. Die beiden großen Prinzipien Jesu: die Liebe Gottes, d. h. die absolute Vollendung, und die Liebe zum Nächsten, d. h. zu allen Menschen ohne irgendeine Ausnahme, sind von allen Weisen der Welt gepredigt worden: von Krischna, Buddha, Lao Tse, Konfuzius, Sokrates, Plato, Epiktet, Mark Aurel, und unter den modernen: von Rousseau, Pascal, Kant, Emerson, Channing und vielen anderen. Die religiöse und moralische Wahrheit ist überall und immer die gleiche... Ich habe keinerlei Vorliebe für das Christentum. Wenn ich besonderes Interesse für die Lehre Christi gezeigt habe, so kommt dies daher: 1. weil ich unter Christen geboren bin und unter Christen gelebt habe; 2. weil ich es als einen großen Seelengenuß empfand, die reine Lehre von den überraschenden Fälschungen, wie sie die Kirche vornimmt, zu trennen.”
[126] (S. 82): Tolstoi verwahrt sich dagegen, die wahre Wissenschaft anzugreifen, die bescheiden sei und ihre Grenzen kenne. („Das Leben”, Kapitel IV.)
[127] (S. 82): „Das Leben”, Kapitel X.
[128] (S. 82): Tolstoi las häufig und immer wieder die „Gedanken” von Pascal in der kritischen Zeit, die der „Beichte” voranging. Er spricht von ihnen in seinen Briefen an Fet (14. April 1877 und 3. August 1879) und empfiehlt sie seinem Freunde zur Lektüre.
[129] (S. 83): In einem Brief über die Vernunft, den er am 6. November 1894 an die Baronin X... schrieb, sagt Tolstoi ähnlich: „Der Mensch hat von Gott selbst nur ein einziges Werkzeug erhalten, um sich selbst zu erkennen und mit der Welt zu verständigen; es gibt kein anderes. Dieses Werkzeug ist die Vernunft. Die Vernunft kommt von Gott. Sie ist nicht nur die höchste Eigenschaft des Menschen, sondern das einzige Werkzeug zur Erkenntnis der Wahrheit.”
[130] (S. 83): „Das Leben”, Kapitel X, XIV-XXI.
[131] (S. 85): „Das Leben”, Kap. XXII-XXV. — Wie bei den meisten dieser Zitate fasse ich mehrere Kapitel in einige charakteristische Sätze zusammen.
[132] (S. 85): Ich behalte mir für später vor, wenn Tolstois Werk erst einmal lückenlos veröffentlicht sein wird, diesen religiösen Gedanken in seinen verschiedenen Schattierungen zu studieren, denn dieser hat in bezug auf verschiedene Fragen sich sicherlich mehrfach gewandelt, hauptsächlich in bezug auf die Vorstellung vom künftigen Leben.