[163] (S. 107): Seine Unduldsamkeit hatte sich seit 1886 gesteigert. In „Was sollen wir denn tun?” wagte er noch nicht an Beethoven zu rühren (auch noch nicht an Shakespeare). Ja mehr noch, er warf den zeitgenössischen Künstlern sogar vor, daß sie es wagten, sich auf jene zu berufen. „Das Schaffen eines Galilei, eines Shakespeare, eines Beethoven hat nichts gemein mit dem Schaffen eines Tyndall, eines Victor Hugo, eines Wagner. Geradeso wie die Heiligen Väter jede Verwandtschaft mit den Päpsten ablehnen würden.” („Was sollen wir denn tun?”)
[164] (S. 107): Er wollte sogar vor dem Schluß des ersten Aktes aufbrechen. „Für mich war die Frage gelöst. Ich hatte keinen Zweifel mehr. Von einem Autor, der fähig war, Szenen wie diese auszudenken, war nichts mehr zu erwarten. Man konnte von vornherein sicher sein, daß er niemals etwas schreiben würde, das nicht schlecht wäre.”
[165] (S. 107): Es ist bekannt, daß er, um eine Anthologie von französischen Dichtern der neueren Schule zusammenzustellen, den wunderbaren Gedanken hatte, „aus jedem Band ein Gedicht herauszuschreiben, das auf Seite 28 stand”!
[166] (S. 107): „Shakespeare”, 1903. Das Werk wurde anläßlich eines Artikels von Ernst Crosby über „Shakespeare und die Arbeiterklasse” geschrieben.
[167] (S. 109): „Es war eines jener Vorkommnisse, wie sie sich häufig ereignen, die niemandes Aufmerksamkeit auf sich lenken und nicht nur die Welt, sondern sogar die militärische Welt Frankreichs unberührt lassen.” — Und an anderer Stelle: „Es bedurfte einiger Jahre, bevor die Menschen aus ihrer Hypnose erwachten und begriffen, daß sie überhaupt nicht wissen konnten, ob Dreyfus schuldig war oder nicht, und daß jedermann andere wichtigere und unmittelbarere Interessen hatte, als die Dreyfus-Affäre.” („Shakespeare”)
[168] (S. 109): „‚König Lear’ ist ein sehr schlechtes, sehr nachlässig gemachtes Drama, das nur Ekel und Langeweile auslösen kann.” — „Othello”, wofür Tolstoi einige Sympathie zeigt (zweifellos weil dieses Werk mit seinen damaligen Anschauungen über Ehe und Eifersucht übereinstimmte), „ist, obwohl es das wenigst schlechte Drama von Shakespeare ist, nur eine Anhäufung von hochtrabenden Worten”. Die Figur des ‚Hamlet’ hat keinen Charakter; „sie ist das Sprachrohr des Verfassers, das seine Gedanken der Reihe nach wiederholt.” „Sturm”, „Cymbeline”, „Troïlus” und andere erwähnt Tolstoi nur wegen ihrer „Albernheit”. Die einzige Figur Shakespeares, die er natürlich findet, ist der Falstaff, „eben deshalb, weil hier die mit rohen Scherzen und albernen Kalauern angefüllte Sprache Shakespeares zu dem falschen, eitlen und ausschweifenden Charakter dieses widerlichen Trunkenboldes so gut paßt”. — Aber nicht immer hatte Tolstoi so gedacht. In den Jahren 1860 bis 1870, hauptsächlich zu der Zeit, da er sich mit dem Plan trug, ein historisches Drama über Peter I. zu schreiben, hatte er Shakespeare mit Vergnügen gelesen. Aus seinen Aufzeichnungen aus dem Jahre 1869 ist sogar ersichtlich, daß er sich den „Hamlet” zum Vorbild nahm.
[169] (S. 111): Er nimmt in bezug auf die Verurteilung der modernen Kunst seine eigenen Theaterstücke nicht aus, „die nach seiner Ansicht der religiösen Durchdringung entbehren, die die Grundlage des Dramas der Zukunft bilden müsse”.
[170] (S. 115): 1873 schrieb Tolstoi: „Denkt was ihr wollt, aber denkt es auf eine Weise, daß jedes Wort allen verständlich sei. In einer völlig klaren und einfachen Sprache kann man nichts Schlechtes schreiben. Wenn Unmoralisches klar ausgedrückt ist, erscheint es so falsch, daß man es ganz bestimmt wieder ausstreichen wird. Wenn ein Schriftsteller sich ernsthaft ans Volk wenden will, muß er sich nur bemühen, verständlich zu sein. Wenn der Leser vor keinem Worte stutzt, ist das Werk gut. Wenn er nicht erzählen kann, was er gelesen hat, taugt das Werk nichts.”
[171] (S. 115): Dieses Ideal brüderlicher Vereinigung unter den Menschen bedeutet für Tolstoi keineswegs das Ziel der menschlichen Tätigkeiten; seine unersättliche Seele läßt ihn ein unbekanntes Ideal jenseits der Liebe aufstellen: „Vielleicht wird die Wissenschaft eines Tages der Kunst ein noch höheres Ideal weisen, und die Kunst wird es verwirklichen.”
[172] (S. 116): Etwa in dieser Zeit wurde auch ein Werk beendigt und veröffentlicht, das in der Hauptsache in glücklicheren Tagen, während seiner Verlobungszeit und der ersten Ehejahre, geschrieben war: die schöne Geschichte eines Pferdes, „Kolstomir” (1861 bis 1886). Tolstoi spricht darüber in seinem Brief an Fet, 1863. — Die Kunst des Beginns, mit ihren feinen Landschaftsschilderungen, ihrer scharfen Psychologie, ihrem Humor und ihrer Jugendfrische ist den Werken der Reifezeit („Eheglück”, „Krieg und Frieden”) verwandt. Das unheimliche Ende, die letzten Seiten, wo der Kadaver des alten Pferdes und der Leichnam seines Herrn miteinander verglichen werden, sind von einem krassen Realismus, der an die Jahre nach 1880 erinnert.