»Ist dös dei' Ernst, Vef?« brachte der Wastl sehr langsam und mit gepreßter Stimme hervor. »'s ist döcht unser Hoamatl. Hast's do amal gern g'habt ... Vef ... 's Hoamatl ...« sagte er innig und mit Wärme.

»Freilich. Weil i nix Besseres kennt hab' ... Aber iatz bin i nimmer so dumm!« Das Weib stemmte ihre vollen Arme in die üppigen Hüften und stellte sich resolut vor ihrem Mann auf. »Moanst, dös wurmt mi nit, daß i alloan so dumm g'wesen bin und g'heirat' hab'? Reu'n tuat's mi, soviel i Haar' am Kopf hab' ... daß d' es woaßt. Verkümmern und versauern kann i da herin und bin döcht nix als wia an arm's Lotterweib. Und die Rosina und die Julie haben's schianste Leben! Und wenn iatz aa no die Julie an Haufen Geld verdient, aft kannst mi gern hab'n!« schrie sie wütend. »Aft renn' i dir davon, so wie i bin ... und geh'aa no singen. Daß d' es woaßt!«

So zornig und aufgebracht war die Vef, daß sie sich nicht mehr anders helfen konnte und beide Hände vors Gesicht hielt und laut zu weinen anfing. Ratlos saß der Wastl da und wußte nicht, was reden und deuten. Er fühlte nur, wie eine schwere Traurigkeit über ihn kam, die sich ihm beklemmend aufs Herz legte. Und sagte kein Wort, der Wastl. Nur das Atmen kam ihn hart an, war schwerer, als wenn er draußen die Zentnerlast auf der Kraxen von den Schrofen herabtrug.

Allmählich beruhigte sich die Vef wieder, und ihr Weinen wurde leiser und weniger leidenschaftlich.

»Vef ...« bat da der Wastl leise ... »kann dös wirklich dei' Ernst sein? Unser Hoamatl ... und die Kinder ...« Er brachte nichts mehr hervor. Die Worte blieben ihm in der Kehle stecken, und es würgte ihn und stieg ihm heiß und bitter in die Augen.

Da wurde das Weib wieder ganz ruhig. Sie hatte ihn ja doch lieb, ihren Wastl, und auch die Kinder. Und wollte ihm gewiß nicht wehe tun. Nur, daß der Hunger nach Leben und Genuß in ihr erwacht war, daß sie sich jetzt unzufrieden fühlte und innerlich elend.

»Schau ... Wastl ...« fing die Vef nun neuerdings zu reden an und legte ihren vollen Arm um den Hals des Mannes. »Schau ... i will di ja nit kränken. Tu mir's nit verübeln. 's hat außer müssen! Siegst ... wann nit alleweil der Vergleich da war' ... wann i nit alleweil an die Rosina und an die Julie denken müaßat ... aft war' i nit so g'worden. Wann dös mit die zwoa nit kömmen war' ... meiner Seel' und Treu ... i war' zufrieden g'wesen mit unserm Hoamatl. Woaßt wohl selber, wia i mi g'freut hab' drauf, gelt? Und siegst, Wastl, seit der Göd nimmer ist ... ist's grad, als wenn unser guter Schutzgeist dahin war'. Siegst ... der hat einerpaßt in die Gungl. Und du paßt aa einer ... Aber i ... i pass' nimmer her! Der Göd ... dersell hat nix Schianeres kennt als wie die Schrofen und Berg' und dös Rauschen vom Bach drunten. I hab'n oft zuag'schaut, wia er dag'standen ist vor der Hütt'n. Z'morgens in der Fruah, wenn die Sonn' ang'hebt hat zu leuchten droben auf die Wänd'! Völlig an Andacht ist dös g'wesen. Und wia a Heiliger ist er mir oft fürkömmen ... wia oaner, der die Berg' anbeten tut. Und er hat betet, der Göd! I hab's g'sechen. In koaner Kirch' hätt' dös schianer sein können, als wenn der alte Mann, der's kaum mehr derstanden hat, vor der Hütt'n g'wesen ist, den Huat abertan hat und die dürren Händ' g'faltet hat. Aft ist mir fürkömmen, da droben in die Wänd' ... zuhöchst auf die Gipfel oben ... da müsset der Gottvater selber sein und aberschaun. Und oftmals hab' i mir vorg'stellt ... wenn in der Fruah die weißen Wolken aufg'stiegen sein und die Sonn' durchg'leuchtet hat, daß alles nur oa Silberglanz g'wesen ist vor lauter Pracht ... daß die Wolken a Vorhang wären und das Allerschianste, das es gibt, versteckt halten taten. Siegst, Wastl ...« die Vef lachte leise und träumerisch ... »a so bin i g'wesen. Fast kindisch ... kannst mir's glauben!« beichtete sie. »I hab' mir fürg'stellt ... dös Allerschianste hinter den silbrigen Wolkenglanz ... dös müaßet a Königin sein. Woaßt ... so ... wie si halt unseroans a Königin vorstellt. Auf und auf voll Glanz und Gold. Hatt' nit viel g'fahlt, und i hatt' sie am End' wirklich no g'sechen ... dö Königin!« lächelte das junge Weib wehmütig. »Weil's mir so ans Herz g'riffen hat, wenn i den alten Göd in aller Herrgottsfruah zum Himmel aufi hab' beten sechen.«

Die Vef hielt einen Augenblick inne und fuhr sich mit der Hand nachdenklich über die Stirne. »Siegst, Wastl ...« fuhr sie dann leise zu reden fort ... »da ist mir g'wesen ... wenn i grad a so wie der Göd fromm sein kunnt und so wie er die gewaltige Liab zur Heimat hätt'. I hab' alleweil g'moant, i hätt' die richtige Liab zu unsere Berg'. Aber naa, Wastl, iatz woaß i's erst ... i kenn' sie gar nit. Der Göd ... ja ... dersell hat sie g'habt. Aber er war halt aa alt, und i bin jung. Kimmt mir für ... wir haben a neue Zeit kriagt. 's muß wohl a so sein! Ganz g'wiß! Weil's uns junge Leut' forttreibt von der Heimat.« Traurig neigte das junge Weib ihren Kopf und machte eine kleine Pause, ehe sie mit ihrer Beichte weiterfuhr.

»'s will mir nimmer g'fallen da herin, Wastl!« sagte sie beinahe tonlos. »So fein's mi amerst dunkt hat ... völlig schiach kimmt's mir iatz zeitenweis für.«

Es war ganz still in der kleinen Stube. Nichts regte sich wie draußen vor den Fenstern das monotone Rieseln des Regens. Und ab und zu der schwere Atem des Mannes, der regungslos an der Seite seines Weibes saß und mit tieftraurigen Augen vor sich hinstarrte.