»Z'erst ist's angangen ...« fuhr die Vef über eine Weile mit ihrem Bekenntnis fort ... »wia der Florl und die Regina da herin g'wesen sein. Da hab' i ang'hebt zu sinnieren. Hat mir nit eing'leuchtet, daß iatz gar aa mei' eigene Schwester auf die Wanderschaft geht. Hab' alleweil an sie denken müssen. Und meiner Seel' ... oft ist mir fürkömmen in denselbigen Winter ... i muß auf und davonrennen. Grad ... daß der Göd no g'lebt hat. Und vor densell hatt' i mi g'schamt. Woaß nit, was es war! Hätt's nia nit verlauten lassen können vor ihm, daß mir eppas nit passen tat' in der Gungl. Leicht war's ... weil i a Scheu g'habt hab' vor seiner heiligen Liab zu die Berg' ... Kann sein, daß es dös war!« sagte sie leise und sehr nachdenklich. »Aber ... i hab' die Liab nimmer, Wastl. Hab' an Unrast in mir und möcht' außi ... grad fort und in die Welt außi.« Das junge Weib hatte sich erhoben und breitete sehnsuchtsvoll die Arme aus.
»Wastl!« sagte sie warm und voll inbrünstiger Sehnsucht. »Wenn's oan so forttreibt wia mi ... aft ist koa Halten mehr. 's Bluat pumpert mir oft in Kopf, daß i moan, er muß derspringen. Und 's hilft koa Denken mehr und koa Überlegen. Und aa die Kinder ... dö können mi aa nimmer halten. Siegst, Wastl, wann i's bedenk' ... oans nach'n andern kimmt ang'ruckt bei uns. Dauert nimmer lang, und wir derfuttern's nimmer. 's Güatl ist zu kloan dazu. 's sein Lotterkinder aft ... koane Bauernkinder mehr. Und wenn du no so schuftest und rackerst und i no a so alle Fleck' fürer such' zum flicken und ausbessern ... 's hilft nix. Wann die Fleck' für die G'wander größer werden, aft haben wir koa Geld mehr zum kaufen. Und dös ist's. Da stell' i mir für: grad an etline Jahrln vielleicht ... und wir hatten 's Geld beinand und könneten uns an ordentlich's Gütl kaufen. Etline Jahrln lei ... so lang wir jung sein ... dös tun, was der Florl tut und 's Regele und die Rosina. Wir zwoa ... du und i, Wastl ... wir singen besser, wie die alle mitnander. Und wann's uns a Geld eintragt ... z'wegen was sollen grad wir a so dumm sein und 's nit aa tian. Sag' ... Wastl ... moanst nit aa ... 's war' besser, wir sperreten die Hütt'n zua und holen uns das Geld für a schianer's Hoamatl?«
So weich und innig und so voll Liebe konnte das Weib sprechen. Ganz Hingebung war sie jetzt und ganz demutsvoll. Fest umschlang ihr weicher Arm den Nacken ihres Mannes, und ihr Mund küßte den seinen so glühend und leidenschaftlich wie nur in der ersten Zeit ihrer jungen, genießenden Liebe.
Wie ein Rausch überkam es den Mann. In den Händen dieses Weibes war er Wachs, fügte sich nach ihrem Willen, welcher der weitaus stärkere war. Unter ihren schmeichelnden, glühenden Küssen schwanden ihm die Bedenken. Das Schwere, Beklemmende, das ihm auf der Seele lag, wich vor der Seligkeit ihrer hingebenden Leidenschaft. Wohl dachte er an die Trennung von seinen Kindern ... doch die Liebe zu seinem Weibe überwog die Liebe zu den Kindern. An eine Trennung von ihr hätte er niemals zu denken vermocht.
In dieser Stunde aber wurde der Wastl seiner Heimat untreu. Und treulos wurde das Weib, das einstmals nichts Schöneres, Herrlicheres und Heiligeres gekannt hatte wie ihre Kinder und das bescheidene Hüttl vom alten Göd in der Gungl.
Neuntes Kapitel
Der Florian Siegwein und seine Frau Regina waren aufgezogen mit ihrem ganzen Staat in das große Gasthaus, das der Kramer Veit hoch überm Dörfl droben mit dem Ausblick auf die drei Hochtäler erbaut hatte.
Seit der Florl auf eigene Faust auf Reisen gegangen war, duldete er es nicht mehr, daß man das Regele für ein lediges Fräulein hielt. Vor aller Welt galt sie nun als seine Gattin, und der Florl hielt strenge auf Sitte und Zucht bei seinen Leuten.
Man mußte es dem Florian Siegwein lassen. Er war ein anderer, besserer geworden in diesen letzten beiden Jahren. Der leichtsinnige Zug von einst war aus seinem Gesicht vollständig verschwunden und hatte einem berechnenden Ernst Platz gemacht.
Der Florian hatte, gleich dem Kramer Veit, jetzt die Gefahren erkannt, die ihn und seinesgleichen in der Welt draußen bedrohten. Und er war mit sich strenge ins Gericht gegangen. Hatte überlegt, daß er nur durch eiserne Selbstzucht und großen sittlichen Ernst sein Unternehmen vor moralischem Untergang würde bewahren können.