Er hatte erkannt, daß diese jungen Menschen, die sich seiner Führung anvertrauten, mit fester, straffer Hand geleitet werden mußten. Er war sich der großen Verantwortung, die er übernommen hatte, bewußt geworden und wurde ein strenger, aber umsichtiger Führer seiner kleinen Truppe.

Der Florian Siegwein hatte das Versprechen, das er damals dem Kramer Veit gab, getreulich eingehalten. So wie er die jungen Leute übernommen hatte, so brachte er sie wieder in die Heimat zurück. Und trotzdem hatte der Kramer Veit doch auch recht behalten. Sie waren doch, eines wie das andere, von Grund aus verändert. Unverdorben in Sitte und Moral, das waren sie zwar alle geblieben, und das war einzig und allein dem starken, ernsten Willen des Florian Siegwein zu verdanken.

Sie wußten es nicht und erkannten es auch nicht. Waren wie Kinder, die sich willenlos einem Lehrer fügen mußten. Und murrten wie Kinder und lehnten sich oftmals auf gegen seine Anordnungen. Und doch folgten und gehorchten sie.

Der Florian Siegwein war in diesen Jahren innerlich zu einer Persönlichkeit herangereift. Er überragte sie alle weitaus an Verstand und Willen und leitete sie klug und weise und führte sie von Erfolg zu Erfolg.

Was für ein schwaches, hilfsbedürftiges Kind war dagegen seine Frau geblieben! Die Regina war ihrem Manne keine Gefährtin, kein guter Kamerad, der Freud' und Sorge mit ihm teilte. Sie war eine zierliche Puppe, eitel und gefallsüchtig und mit dem Verstand eines lieben kleinen Vögelchens.

Dem Florl war sie aber recht, gerade so wie sie war. Er hätte sie gar nicht anders haben mögen. In ihrer naiv kindlichen Art, so harmlos und unbefangen, war sie für ihn noch immer dasselbe Regele vom Alpl droben, das Regele seiner Jugend und seiner erwachenden Sinne; und in ihr liebte er nicht allein das Weib, sondern sein ganzes Jugendidyll und seine engere Bergheimat.

Mit rührender, fast ritterlicher Aufmerksamkeit sorgte er dafür, daß sie die Stellung voll einnahm, die ihr als seiner Gattin gebührte. Das vertrauliche »Du«, das unter den Landsleuten üblich war, hatte der Florian beibehalten. Nur war jetzt aus dem Florl der Florian und aus dem Regele die Regina geworden.

Dieser feine Unterschied, so unbedeutend er an sich war, brachte es doch mit sich, daß eine gewisse Distanz zwischen ihm und seinen Mitgliedern gewahrt wurde. Der Florian und die Regina waren eben doch andere wie der Florl und das Regele, die ihnen von Jugend auf so vertraut waren.

Der Florian Siegwein verstand sein Geschäft, das mußte man ihm lassen. In diesem Unternehmen war er sicher dem Kramer Veit überlegen. Einen wahren Siegeszug durch deutsche Länder hatte er mit seiner kleinen Truppe unternommen und redlich mit ihnen den Gewinn geteilt. Und das war es wohl auch, was ihm so viel Achtung und Autorität unter seinen Mitgliedern eintrug. Seine unbedingte Ehrlichkeit und sein großer Gerechtigkeitssinn. Er duldete auch nicht die geringste Ungerechtigkeit. Und wenn ein Streit oder eine Verstimmung unter seinen Leuten herrschte, so war stets er das versöhnende und ausgleichende Element.

Daß der Florian Siegwein aber auch die sittlichen Gefahren, welche die schlichten Bauersleute in den großen Städten bedrohten, erkannte und mit starker Hand zu verhüten wußte, das war wohl sein allergrößtes Verdienst und zeugte von seiner außergewöhnlichen Intelligenz.