Ein stummer Kampf spielte sich nun täglich zwischen diesen beiden Frauen ab. Die Regina schraubte sich, wo sie nur konnte, von ihren Verpflichtungen, mußte aber doch allmählich dem starken Willen ihrer Köchin unterliegen ... und je mehr sich das Haus mit Gästen füllte, desto anstrengender wurde die Tätigkeit der jungen Wirtin.

Der Florian hatte gleich den richtigen großen Zug in die Sache gebracht. Die Gäste, die ins Tal kamen, waren ausschließlich reiche und vornehme Leute. Menschen, die es trieb, diese reisenden Bauern in ihrer eigenen Heimat zu sehen und dabei ein Land, das bisher dem Fremdenverkehr so gut wie verschlossen geblieben war, kennen zu lernen.

In großen vierspännigen Reisewagen kamen die Fremden ins Land. Durchfuhren zuerst die breiten Täler und zweigten dann von der gut gepflegten Heerstraße auf die steinige, holprige Straße des Tales ab.

In dem ansehnlichen Dorf mit seinen weißen, stattlichen Häusern und der grünen Kirchturmspitze mußten sie alle Halt machen. Denn bis hierher nur ging der fahrbare Weg. Von dort aus übernahm der Florian Siegwein den weiteren Transport zu seinem Alpengasthof. Und es war abermals der Kramer Veit, der dem Florl da helfend zur Seite gestanden hatte.

Ohne die Umsicht dieses Mannes wäre das Werk wohl niemals so gut gelungen. Bis in die kleinste Kleinigkeit hatte sich der Kramer Veit bekümmert, und auf alles war er bedacht gewesen. Er hatte junge Burschen gemietet, die mit Maultieren hinunter ins Tal zogen und das Gepäck der Fremden hinauf ins Dörfl lieferten.

Fünf bis sechs solcher Burschen trieben alltäglich ihre Maultiere in den Hauptort des Tales. Denn alles, Wein und Eßwaren und was es so gab, mußte auf den Rücken der Maulesel auf den Berg geliefert werden. Und wenn der Weg zum Dörfl den Fremden zu weit oder zu beschwerlich war, so standen Sattel zum Reiten zur Verfügung, und von der kundigen Hand ihrer Führer geleitet gingen die Maulesel dann ihren gleichmäßigen und ungemein sicheren Trott.

Eine ganz neue Industrie hatte sich da den Bewohnern des Tales eröffnet. Sie hatten jetzt alle zu arbeiten für die Fremden, die Bäcker, die Fleischer, die Schuster, der Wagner, der Schmied und der Sattler. Die Handwerker des stattlichen Dorfes hatten bis jetzt ein recht beschauliches Dasein geführt. Nun hatten sie mit einem Male alle Hände voll zu tun und nahmen unerwartet viel Geld ein. So viel Geld in wenigen Monaten wie sonst wohl kaum in Jahren.

Kein Wunder, daß der Florian Siegwein gar bald ein hochgeachteter Mann im ganzen Tale war, und daß man ihn grüßte wie einen feinen, gebietenden Herrn. Aber auch die Bauern im Dörfl bekamen nun eine andere Meinung von dem Florian und der Regina. Jetzt schalt man sie nicht mehr Tagediebe, die dem Herrgott den Tag wegstehlen, jetzt zollte man ihrem Unternehmen Achtung, und die Bauernweiber kamen vom Dörfl herauf zur Regina, um sie zu begrüßen, und brachten ihr als »Grüß Gott« Butter und Eier und Käse mit. Und die Regina fühlte sich als Gebieterin in ihrem Reich, war freundlich und herablassend, bestellte Milch und Butter und Eier und zahlte gut.

Sie hatten es bald heraußen, die schlauen Bäuerinnen, daß sie von der Regina jeden Preis für ihre Waren verlangen durften. Denn wenn das Haus voll von Leuten war, dann mußte die Regina eben bezahlen, was gefordert wurde.

Diese geschäftlichen Verhandlungen spielten sich dann meistens in aller Herrgottsfrühe und in der Küche des Gasthauses ab. Da saß die Regina am großen Küchentisch, hatte eine färbige Schürze vorgebunden und eine Schüssel voll Kartoffeln vor sich stehen, die sie putzen wollte. Sie tat so, als schälte sie die Kartoffeln, kam aber nie sonderlich vorwärts mit ihrer Arbeit. Die eigentliche Arbeit leistete die Zenz, ihre jüngere Schwester. Die hatte sich die Regina zur Hilfe genommen, und die schaffte und sorgte mit Lust und Ausdauer, wie sie es drüben im Elternhaus seit Jugend auf gewohnt gewesen war.