Vielleicht wollte sie durch ihr zornig herrisches Gehaben den inneren Vorwurf niederkämpfen, der leise mahnend an ihr Gewissen klopfte. Sie wollte nicht gemahnt werden, die Vef, wollte nicht daran denken, daß ihre Kinder nun obdachlos sein würden, und sie betäubte ihr Gewissen damit, indem sie sich einredete, nur eben diesen Kindern zuliebe geschehe alles, was sie vorhatte.
Ihr Bruder Jakob, derselbe, der früher droben am Alpl als Senner tätig war, hatte sich mit dem Schwager geeinigt und das kleine Gütl in der Gungl in Pacht genommen. Ein Glücksfall war das für den Jackl, genau so wie damals für den Wastl. Denn nun konnte er seinen längst gehegten Wunsch erfüllen und heiraten.
Der Vater Perlmoser war noch rüstig beim Zeug und dachte ... trotzdem er sich noch immer recht hart mit der Wirtschaft tat ... gar nicht daran, seinen Hof dem Sohn zu übergeben. Leicht hätte der Jackl alt und grau werden können, bis es dem Perlmoser einmal eingefallen wäre, seine Herrschaft abzutreten.
So war denn der Jackl voll Dankbarkeit und versprach dem Wastl gern alles, was dieser haben wollte. Der Wastl hatte aber nur eine Bedingung gemacht, und diese war, daß der Jackl den Martl zu sich nehmen sollte, sobald er verheiratet war.
Der Martl, das war der älteste Sohn des Wastl und der Vef, das kleine blonde Bübl, das heute, trotzdem es noch nicht einmal fünf Jahre zählte, so tapfer wie ein Erwachsener in dem kalten Oktobermorgen neben der Mutter herlief. Gerne hatte der Jackl diese Verpflichtung übernommen und es dem Schwager in die Hand hinein versprochen, das Kind wie ein eigenes zu halten.
Die Vef verstand diese Forderung ihres Mannes nicht so ganz. Erst, als sich der Wastl näher erklärte, begriff sie.
»Woaßt ...« sagte der Wastl in seiner schwerfälligen Weise zu dem Schwager ... »'s kam' mi halt so viel hart an, wann i mir fürstellen müaßet ... fremde Leut', und wann's aa der Bruder von mein' eigenen Weib ist ... hauseten in mein' Hoamatl. Wann i aber woaß, daß a meiniger Bua no herinnen ist ... aft ist's mir völlig a bissl leichter. Aft stell' i mir für, daß du und dei' Weib 's Güatl ... mei' Güatl ... für mein' Buab'n halten tatet's. Woaßt, Jackl, aft ist's do no alleweil unser Hoamatl, und sell ist leichter zu tragen, wenn man dran denkt, als wia's war, wenn koaner mehr von uns da herin hauset.«
So traurig und gedrückt sagte das der Wastl, daß der Vef die hellichten Tränen in die Augen schossen. Sie überwand aber diese Schwäche und suchte rasch nach einer Ausflucht, um wieder zornig schreien zu können.
Dem Wastl war es recht schwer geworden, seine Kinder unterzubringen. Völlig darum betteln hatte er müssen. Zuerst war er zu den Schwiegereltern in das kleine Hochtal hinaufgegangen. Da war er aber schlecht angekommen, als er sein Anliegen vorbrachte.
Der Perlmoser schrie und tobte, als er von dem Entschluß des Wastl hörte. Was? Jetzt wollte auch noch seine dritte Tochter diesen Narrenturm mitmachen und auf Reisen gehen? Wollte gar ihre Kinder im Stich lassen und sie den Großeltern aufhalsen?