Lange hatte es die Bäurin mit angehört, wie der Vater auf den Wastl einschrie, zornig und ohne Gerechtigkeit, und hatte wie immer kein Wort darein geredet. Bis ihr Mitleid für die Kinder die Oberhand gewann und sie sich gegen ihren Mann auflehnte.
»Jatz bist aber amal stad ... du ...« fuhr sie den Bauer an ... »und laßt mi aa amal a Wörtl reden.« Die Bäurin stand in der Mitte der Stube, stemmte den einen Arm in die breit ausladende Hüfte und gestikulierte, während sie sprach, aufgeregt mit der rechten Hand. »Und i moanet amal so!« sagte sie resolut. »Grad gar a so unrecht hat ja die Vef nit mit dem, was der Wastl verzählt. Siegst es wohl selber, wie wir zu fretten haben mit unserer Kutt' Kinder. Und 's Geld soll man nia nit verachten, kimmt's von woher derwill. Und gar a so g'fahlt kann dös ja weiter aa nit sein ... wenn der Mann mit sein' Weib in die Welt ziacht ... weil draußen a Geld zu holen ist. Und wenn dös wahr ist, was du sagst ...« jetzt wandte sich die Frau mit Energie an den Schwiegersohn und sah ihn herausfordernd und fast böse an ... »und ös nachher, bald's ös das Geld beinander habt's, a rechtschaffen's Güatl kauft's und wieder christliche Bauersleut' werden wollt's ... aft nimm i enk meintswegen oans oder zwoa Kinder!« erklärte sie mit Bestimmtheit. »Mehr wia zwoa kann i nit haben. Muaßt halt schaug'n, wo du sie unterbringst, die andern zwoa. Und 's allerkloanste nimm i aa nit!« sagte sie und wandte sich wieder gleichgültig ihrer Arbeit zu. »Will mein' Fried' haben bei der Nacht. Hab' g'nug Kinderg'schrei g'habt in mein' Leben ...« setzte sie bissig hinzu und schaute den Wastl dabei so böse und vorwurfsvoll an, als ob ihn eine Schuld an dieser Tatsache träfe.
Ein echtes, warmfühlendes Frauenherz war dieses derbe Bauernweib trotz ihrer scheinbaren Rauheit und ihrer groben Worte. Der Wastl war heilsfroh und vom Herzen dankbar, daß er nun wenigstens zwei seiner Kinder gut untergebracht wußte. Der Perlmoser zankte wohl noch eine Weile mit seinem Weib und schimpfte noch tüchtig über den Wastl und die Vef, schließlich aber war er doch damit einverstanden, und der Wastl machte sich daran, ein gutes Platzl für seine andern beiden Kinder zu finden.
Niemand wollte sie nehmen im Dörfl, die Kleinen, bis sich der Wastl schließlich an die zwei alten Jungfern erinnerte, die das Kind der toten Mena aufgezogen hatten. Das Moidele diente, seitdem sie ausgeschult war, bei der Notburg. Das hatte der Kramer Veit so haben wollen, und so waren die beiden alten Weibsleute wieder allein.
Zwei eingetrocknete kleine, verhutzelte Weiblein waren die beiden alten Jungfern, und man hieß sie allgemein die Kirchenmäuseln. Sie hatten nicht viel zu tun in ihrem armseligen Hüttl, und diese wenige Arbeit kam ihnen oft recht hart an. Da sie aber vom Herzen fromm und gottesfürchtig waren und nicht allein zur Kirche liefen und mit den Lippen beteten, sondern auch nach Christi Gebot zu leben strebten, handelten sie nach dem Worte des Herrn: »Und wer eines dieser Kleinen in Meinem Namen aufnimmt, der nimmt Mich auf.«
So ungelegen ihnen die kleine Einquartierung auch kam, so sagten sie doch nicht nein. Der Martl und die kleine Toni sollten also der Obhut der alten Weiblein übergeben werden ... der Martl nur so lange, bis ihn der Onkel wieder mit in die Gungl hinein nahm.
Und heute sollten die vier Kinder zu ihren Pflegeeltern geliefert werden. Ein Glück nur, daß sie so klein waren und noch nicht begriffen, um was es sich handelte. Auch der Martl verstand es nicht, daß es ein Abschied werden sollte. Er war nur freudig erregt, daß er heute mit den Eltern fortgehen durfte, hinaus ins Tal und zu den Großeltern, die er nicht kannte. Noch nie war er aus der Gungl herausgekommen, und auch bei der Vef war es lange her, seitdem sie zum letztenmal im Kirchdorf gewesen war.
Es war ein eigenes Gefühl, das die Vef beherrschte. Jetzt, da ihr Wille erfüllt war, da sie vor dem ersehnten Ziele stand, schien es fast, als hätte sie die Freude an der Sache verloren. Ohne Schmerz und ohne Traurigkeit war sie, aber sie fühlte auch keine Erlösung und keine Hoffnungsfreudigkeit in sich.
Als sie ihrem Bruder Jackl, der schon ein paar Tage zuvor das Gütl übernommen hatte, die Hand zum Abschied reichte und mit ihren Kindern in den grauen Oktobermorgen hinaustrat, als ein scharfer Wind ihr rauh und kalt ins Gesicht pfiff, da durchlief es den Körper des jungen Weibes wie Eisesschauer.
Sie mußte gewaltsam an sich halten, um nicht das Klappern ihrer Zähne, das von ihrem inneren Frost kam, hören zu lassen. Um keinen Preis wollte sie ihre Schwäche den Wastl merken lassen. Sie mußte fest bleiben und froh erscheinen, damit sein schwacher Wille sich an ihrem starken stützen konnte. Eine innere Leere löste aber dann die Kälte ab und machte sie gefühllos für alles, was um sie war.