Sie hörte es nicht, daß der kleine Bub, der ihr zur Seite lief, plapperte und neugierige Fragen tat, und sie hörte auch nicht, daß er mit weinerlicher Stimme über die Kälte zu klagen anhub, und sah nicht die blaugefrorenen Händchen des Kindes.

Je länger sie gingen, desto höher stiegen die Nebel, wurden leichter und wurden weißer. Nur oben über den jäh abfallenden Felswänden zu beiden Seiten des schluchtartigen Tales ballten sich die Wolken noch im finsteren Grau.

Mit keinem Blick hatten sie auf das Gütl zurückgeschaut, weder der Wastl noch sein Weib. Gingen vorwärts ... immer vorwärts ...

Das Kind schlief in dem Arm seiner Mutter selig und sanft und lächelte im unbewußten Traum. Aber die Vef achtete auch nicht auf den schlafenden Säugling, so wenig wie auf das trippelnde Bübl an ihrer Seite, das immer verzagter wurde und sich hilflos an der Mutter Rock klammerte.

Das Weib schaute mit leeren, glanzlosen Blicken vorwärts ... dorthin, wo ihr Mann gebückt und schwer mit seinen Kindern schritt. Sie sah ihn aber nicht, den Wastl, und sah auch nicht das kleine blonde Kinderköpfchen, das ab und zu sich von seinem hohen Lager neugierig emporstreckte. Sie sah und hörte nichts, die Vef ... und fühlte auch nichts. Schritt nur immer gleichmäßig weiter, fest und entschlossen und mit ödem Herzen.

Fast erging es dem Wastl besser wie seinem Weib. Denn er erlebte in seinem Innern wenigstens die Schwere dieser Stunde. Er fühlte das unruhige Pochen seines Herzens, fühlte die Traurigkeit des Abschieds von Heim und Kindern, fühlte die beklemmende Angst vor einem ungewissen Schicksal und fürchtete sich vor dieser Zukunft. Und wenn es auch traurig war, so war es doch ein inneres Erleben, das so stark und überwältigend wurde, daß es sich dann in schweren Tränen löste.

Der Wastl weinte ... Warm rieselten ihm die dicken Tropfen über die Wangen ... und waren wie Frühlingsregen, wohltuend und erlösend.

Auf diesem langen, schweigsam traurigen Weg überdachte der Wastl noch einmal sein ganzes Leben. So einfach wie es war, rauh und hart und doch auch schön. Ein kleines Bergbauernbübl war er gewesen, einer von vielen Kindern, und konnte noch kaum richtig lesen und schreiben, als ihm die Mutter begraben wurde.

Und deutlich war ihm in dieser Stunde jener erste heiße Schmerz seines Lebens wieder gegenwärtig. Eine hitzige Krankheit hatte die Mutter jäh dahingerafft. Etliche Tage bloß, und sie war tot. Doch ehe sie starb, rief der Vater seine Kinder in die Kammer der Mutter, damit sie Abschied von ihr nehmen konnten.

Der Wastl sah alles wieder deutlich vor seinen Augen. Bleich und abgezehrt lag die Mutter in der düsteren kleinen Kammer, welche die Kinder und den Vater kaum fassen konnte. Dumpf und stickig war die Luft. Ein Wachsstock brannte in der Nähe des Bettes, und eine alte Dirn betete laut und mit klagender Stimme. Und der Vater kniete mit seinen Kindern an dem Lager der sterbenden Frau.