Es verehrten sie nicht nur die feinen Herren der Stadt, sondern auch hochgeborene Damen von Rang und Stand liebten und schätzten sie und nahmen sie gleich einer ebenbürtigen Freundin gastlich in ihrem Hause auf.
Und staunenswert war es, wie rasch die Vef sich diesem neuen Leben anzupassen verstand. Wohl blieb sie ihrem Wesen nach die bäuerliche Frau aus den Tiroler Bergen, aber gerade das bildete einen ihrer Hauptreize, der sie so schätzenswert und anmutig zugleich machte.
Während ihre beiden Schwestern und ganz besonders die Regina die feinen Damen der Stadt krampfhaft nachzuäffen suchten, gab sich die Vef nicht die geringste Mühe, eine andere zu scheinen, als die sie war. Unverändert blieb sie ihrer Sprache treu, und wenn man ihre Ausdrücke nicht verstand, dann erklärte sie dieselben in ihrer lustigen, ungekünstelten Weise. Und hatte dann immer die Lacher auf ihrer Seite.
Es war ein bewußtes Bauerntum, das die Vef zur Schau trug. Sie schämte sich nicht darob, daß sie ungebildet und unwissend war, daß ihre Art, sich zu geben, auffiel ... im Gegenteil betonte sie immer wieder ihre Abstammung und war stolz darauf. Und gerade das war es, was sie frei und ungezwungen machte und ihr jene selbstverständliche Leichtigkeit im Benehmen verlieh, die sonst nur den Gebildeten von guter Abkunft auszeichnet.
Als die Vef zum erstenmal aus ihren Bergen kam und vor die große Öffentlichkeit trat, da fühlte sie wohl ein leises Unbehagen. Eine Schüchternheit und Angst vor dem Ungewohnten, die ihr das Blut zu Kopfe trieb und den Schmelz ihrer Stimme beeinträchtigte.
Die Vef erkannte mit der ihr angeborenen Intelligenz, daß ihre Schüchternheit ihr zum Verhängnis werden konnte, und kämpfte mit aller Macht dagegen an. Niemand, der sie jetzt sah und hörte, hätte geahnt, daß dieses sieghaft stolze Weib, das da auf der Bühne stand und die Lieder ihrer Heimat mit einer süßen Innigkeit und Hingabe sang, trotz allem noch immer mit einer inneren Scheu zu kämpfen hatte.
Wie keine der andern verstand sie es gar bald, sich eine ungezwungene Haltung zu geben, und wie keine der andern trug sie voll Anmut und Würde die Tracht ihres Landes.
Freilich ... diese Tracht, die der Florian Siegwein für die Damen seiner Truppe ersonnen hatte, besaß nur mehr geringe Ähnlichkeit mit den schlichten Gewändern der Heimat. Aber sie war geschickt gewählt und wirkte in dem strahlenden Licht der großen Säle. Auch die Männer hatten auf Geheiß des Florian Siegwein ihr Gewand ändern müssen. Aber sie waren weitaus echter und waren im Vergleich zu den Damen auch ungezwungener und echter in ihrem ganzen Gebaren.
Der Wastl ganz besonders hatte sich gar nicht verändert. Er blieb der gleiche ungeschlachte Bauersmann in Rede und Gebärde, der er drinnen in der Gungl war, etwas schwerfällig von Begriff und langsam und sehr bedächtig in seinen Äußerungen.
Sich auf ebener Erde zu bewegen fiel ihm schwer. Die Glieder, die von Jugend an nur das Steigen gewohnt waren, wollten sich nicht mehr gelenkig abbiegen lassen, und er fühlte sich auf dem glatten Boden der Straßen so unbeholfen wie ein Kind, das erst das Gehen lernen mußte.