Sie empfand auch nur wenig Mitleid mit der Vef. Geschah ihr schon recht, wenn sie es auch einmal mit der Angst zu tun bekam und mit dem Gewissen. Ganz recht geschah ihr. Sollte nur leiden ... das Weib!

So dachte die Notburg und schaute hart und strenge auf das ruhelose junge Weib, das in ihrer Stube, von innerer Qual getrieben, unruhig umherging.

Und wieder herrschte Schweigen in der Stube. Und immer ruheloser ging die Vef in dem Zimmer herum und schaute dann wieder abwechselnd zum Fenster hinaus.

»Könnt's koa Licht nit machen?« frug sie über eine Weile in ihrer herrischen Art. »Man g'siecht ja nix mehr.«

Schweigend stand die Notburg auf und zündete eine schöne Lampe an, die über dem Tische hing. Es machte alles in der Stube den Eindruck von Behagen und bürgerlicher Wohlhabenheit. Ohne Prunk, schlicht und einfach hatte es der Kramer Veit eingerichtet, so wie es zu diesen Leuten und ihrer Umwelt paßte.

Die Vef trug nun für gewöhnlich nicht mehr die Tracht ihrer Heimat, sondern hatte städtische Gewänder angelegt. Im Gegensatz zur Regina aber wählte sie stets dunkle, unauffällige Farben und war ohne Schmuck und Zier. Auch heute trug die Vef ein einfaches, aber elegant geschnittenes Kleid, das ihre volle Figur zur besten Geltung brachte. Ihr Gesicht war bleich, und dunkel und aufgeregt flackerten die hellen, sonst so strahlenden Augen. Das blonde Haar trug sie wie immer zur Krone um den Kopf gelegt, und weich schmiegten sich vereinzelte Löckchen um ihre feine Stirn.

Der Kramer Veit war alt geworden in diesen Jahren. Alt und sorgenvoll, aber aufrecht und noch immer kraftstrotzend. Viele Furchen durchzogen die breite, etwas brutale Stirn, und das derbe, dröhnende Lachen kam jetzt nur selten mehr über seine Lippen. Er hatte eine nachdenkliche Art, der Veit, und war schweigsamer und viel zurückhaltender wie in früheren Zeiten.

Jetzt, nachdem das Licht entzündet war und sein heller Schein das geräumige Zimmer angenehm erleuchtete, saßen die drei Menschen wieder schweigend beisammen. Die Vef zwang sich dazu, ruhig zu scheinen, und doch pochte ihr das Herz fast hörbar und raubte ihr beinahe den Atem.

Immer wieder sah sie ihr krankes Kind, wie es fiebernd in seinem armseligen Bettchen lag, die Wangen hochgerötet und die großen dunklen Augen glänzend und angstvoll. Hatte wenig Liebe in seinem jungen Leben genossen, das Tonele ... und wußte nichts von Muttersorge und Zärtlichkeit. Wenn die Vef zu ihr kam, so wich ihr das kleine fünfjährige Mädele scheu aus wie einer Fremden; denn sie hatte Angst vor der Mutter, die so nobel war und ganz anders gebietend und anders in ihrem Wesen wie alle die Bäuerinnen, die sie kannte.

Der Kramer Veit schaute unverwandt und scharf beobachtend auf die Frau mit dem blassen Gesicht und den angstvollen Augen. Dann hub er auf einmal zu reden an. Ruhig und sachlich, wie es seine Art war.