»Vef!«
Das Wort schreckte die Frau aus ihrer quälenden Nachdenklichkeit auf.
»Kimmt dir nit für, Vef ... du g'hörest jetzt wo anders hin?« frug der Veit langsam und eindringlich, aber in dem gütigen Ton eines nachsichtigen Vaters.
Einen Augenblick war es, als senkte die Frau reuevoll ihren schönen, fein geformten Kopf. Nur einen kurzen Augenblick. Dann schaute sie gleich wieder herrisch wie immer auf den Mann, der diese vorwurfsvolle Frage an sie gewagt hatte.
»Wie meinst?« frug sie scharf und sah mit herausfordernden Blicken auf Veit Galler.
»I mein' ...« sagte der Kramer sehr gelassen ... »daß eine Mutter ... und wenn sie auch die vielbewunderte Vef ist ... zu ihrem kranken Kind g'hört. Und i mein' no mehr!« setzte er mit Nachdruck hinzu. »Willst hören, Vef ... was i no mein'?«
Der Kramer hatte sich erhoben, breit und wuchtig, und pflanzte sich vor der Frau auf. Mit ruhigen, kalten Augen schaute die Vef zu ihm empor. Hatte die Hände lässig in den Schoß gelegt und die Lippen fest aufeinander gepreßt.
»Vef ...« fing der Kramer abermals zu reden an, und seine Stimme klang gut und weich. »Leicht nutzt's eppas ... wann i heut' zu dir red'. Kann sein, daß die Angst um dei' Kind dich zur Besinnung bringt. Kann sein aa nit. Aber siegst ... so wie du jetzt bist und lebst ... bringst euch ins Unglück. Hast kein Haus und kei' Dach und kein' Mann und kei' Kind mehr. Kennst nur mehr eins ... dich selber! Das ist's, Vef! Grad das allein! Die Lieb zu dir selber. Ist alles g'schwunden bei dir, kommt mir für ... alles ... nur nit die Eigenlieb. Und siegst, Vef ... wann eins aufhört, für andere Menschen zu leben und ein's nur alleweil sich selber zum Mittelpunkt im Leben macht ... aft ist's grob g'fahlt. Das ist koa Glück nit ... das ist a Rausch. 's Glück schaut anders aus, Vef. Frag' mei' Weib ... die Notburg ... was Glück ist. Die kann dir's sagen. Hat lang warten müssen drauf ... die Haut ... bis es kommen ist zu ihr. Aber es ist kommen. Weil sie gedient hat dafür. Und kommet aa zu dir, Vef ... wann du möchtest!«
Der Kramer Veit hielt eine Weile mit reden inne und fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als müsse er eine böse Erinnerung aus seinen Gedanken verscheuchen. Unverwandt und wie hypnotisiert schaute ihm die Vef in die Augen, preßte die blassen Lippen fest aufeinander, unterbrach ihn aber mit keinem Wort.
»'s war' no nit zu spat für enk ...« sagte der Kramer eindringlich und legte seine derbe Arbeitshand schwer auf die Schulter der Frau ... »wann du grad wollen tatest, Vef. Schau dein' Mann an, den Wastl! Kann sein, daß du koa Lieb mehr hast für ihn. Aber er ... er hat di gern, Vef! Kennt ... kimmt mir für ... koan Herrgott und koan Heiligen nit ... als grad sei' Weib.« Und jetzt erhob der Kramer Veit seine Stimme, und sie klang drohend und mahnend zugleich. »Vef! A söllene Liab wirft man nit fort. Weil's eppas Seltenes ist und fast heilig. Und oans sag' i dir! Schau ... daß es anders wird zwischen dir und dein' Mann. Besinn' dich, daß du sei' Weib bist und die Mutter von seine Kinder. Könnt' sein, daß er ein schlecht's End' nimmt ... der Wastl ... könnt' sein ... daß dir dann die Reu' kimmt ... bald's zu spat ist.«