Etwas von dem Geiste der Vef, wie sie vordem gewesen, war in dieser Nacht wieder in der Frau wach geworden. Jetzt war sie mit einem Male wieder die umsichtig sorgende Mutter, die sie drinnen in der Gungl gewesen war. Sie hieß die beiden alten Weiblein, die ihr im Wege waren, aus der Kammer sich entfernen. Freundlich, aber sehr bestimmt sagte sie es ihnen. Sie sollten ausruhen, und wenn sie ihrer bedürfte, dann würde sie sie holen kommen. Und sie und ihr Mann würden bei dem Kinde bleiben bis zuletzt.

Wie hart das war, dieses Sterben des Kindes. Der Wastl saß in einem Winkel und verdeckte sich die Augen. Er konnte den Todeskampf nicht mit ansehen. Das Tonele bäumte sich und rang nach Luft, und dann wieder faltete es betend die kleinen rauhen Hände und konnte doch nicht sprechen. Und war blaurot im Gesichtchen und röchelte und wehrte sich verzweifelt gegen den Erstickungstod.

Und doch wieder mußte der Wastl aufschauen ... hinüber zu dem Bettchen des Kindes ... zu seinem Weibe ... das in dieser Stunde wieder zur Mutter geworden war. Als ob sie all die Jahre, in denen sie dieses Kind vernachlässigt hatte, einbringen müßte, so zärtlich und liebevoll umsorgte sie es.

Sie kniete an dem Bett des Kindes, bleich und ernst, und starrte unverwandt auf das zermarterte Gesichtchen. Und wenn die Not des Kindes sich steigerte und es sich bäumte und wand und die kleinen Hände sich hilflos in der Luft krampften ... dann nahm die Vef mit starkem Arm ihr Kind zu sich und barg es an ihrer Brust. Fand kein Trosteswort und kein Gebet ... und keine Träne. Aber die Hand, mit der sie die glühheiße Stirn des Kindes liebkoste, war lind und weich und beruhigte es. Die Todesqual in den Augen des Kindes linderte sich, und es schaute verwundert und beinahe froh. Zum ersten Male in ihrem jungen Leben fühlte das Tonele die Nähe einer Mutter ... fühlte ihre Liebe und ihre Sorge.

Und das machte ihr den Tod leichter ... denn als er kam ... lag sie im Arm der Mutter, und ihr zuckender, kleiner Körper krampfte sich Schutz suchend an ihrer Brust.

Und die Vef hielt die Leiche ihres Kindes ... solange, bis die Wärme aus ihm gewichen war ... wortlos und mit trockenen Augen. Und dann legte sie das Tonele auf sein armseliges Bettchen, kniete vor ihm hin und schluchzte laut auf, aber ohne Tränen.

Ein kleines Öllicht brannte auf der Kommode, die in der Nähe des Bettchens stand. Und eine geweihte Wachskerze ... die hatte der Wastl angezündet, als es zum Sterben kam. Und jetzt stand der Wastl neben seinem Weib am Bett des toten Kindes und versuchte sie zu trösten.

»Vef!« Mehr brachte er nicht heraus; denn es würgte und stieß ihn, und wie ein wundes Tier warf er sich über die Leiche des Kindes und weinte laut. Weinte seinen ganzen Schmerz sich von der Seele ... sein ganzes Leid und das Elend seines Lebens.

Und als die Vef diesen elementaren Ausbruch tiefster Herzensnot vernahm, der so unbändig wild war und fast nichts Menschliches mehr an sich hatte, da trieb es das Weib fort. Sie floh ... wie von Furien gepeitscht von der Seite ihres Mannes ... hinaus ins Freie ... in den Regen und die Kälte eines frühen Herbstmorgens. Und lief hinüber zu der Notburg und warf sich zu Füßen der Frau und barg den Kopf in ihren Schoß.

»Notburg! Notburg!«