»Schau, Wastl ...« sagte er, als die beiden eines Abends allein vor der Hüttentür saßen ... »i mein' dir's gut. Lass' jetzt die Vef ... leicht wird's wieder alles gut zwischen enk zwoa. Bleib' du daheim. Geh' nimmer außi in die Welt. Du paßt nit dafür. Kimmt mir für ... sie hat no alleweil an guten Kern ein, die Vef. Hat's halt, wie i's selber amal g'habt hab', an Unruh' ... die sie forttreibt. Bin aa anders g'worden mit die Jahr' und wieder a ganz seßhafter Mensch. Überwind' di, Wastl, und bleib' bei uns da. I hab' Arbeit g'nug für di, und nachher ... in an Jahr a zwoa übernimmst a Gütl und nimmst deine Buben zu dir. Probier's halt, Wastl ... Bleib' daheim!«
Es war eine herrlich stille Nacht. Eine jener festlich hellen Septembernächte, in denen auf sammetdunklem Teppich die Milliarden Sterne unruhig fiebrig glitzern und funkeln, und der Mond sein kaltes und doch so prunkvolles Silberlicht über die Berge verschwenderisch ausgießt.
Man konnte alles deutlich unterscheiden, und alles schien in kalter Pracht verklärt in dem hellen Schein des Mondes. Die kleine Hütte mit ihrem windschiefen, steinbeschwerten Schindeldach ... die ragenden Felswände und nahen Felsblöcke, die steilen Mahden und der brausende, weißschäumende Bergbach. Sein Rauschen und Brodeln hatte in der heiligen Stille der Nacht etwas Feierliches, und doppelt friedlich und fast weihevoll lag ringsum die Natur.
Gar nichts hatte sich in der Gungl verändert, war alles ganz genau so, wie es der Wastl damals hinterlassen hatte. Das Holz war als Wintervorrat rings um die Hütte aufgeschichtet wie ehemals, nur waren die Leute jetzt andere, die in der Hütte hausten. Und führten genau dasselbe Leben, das der Wastl und die Vef auch geführt hatten. Etliche kleine Kinder schrien und kreischten und krabbelten in der Stube und Küche herum. Und das junge Weib des Jackl drinnen in der Hütte betreute ihre Kinder und hantierte in der Küche herum, und zankte dann und wann mit ihnen und dem Mann. Genau so wie damals des Wastls Weib, die Vef.
Wie in einem wachen Traum kam sich der Wastl vor, als er jetzt mit dem Kramer Veit vor der Hütte saß. Mußte sich Mühe geben, um daran zu glauben, daß es jetzt anders war, daß er hier als ein Fremder zu Besuch weilte, und daß die schreienden und zappelnden Kinderchen in der Hütte drinnen nicht die seinen waren.
Wie ausgelöscht erschienen ihm diese letzten fünf Jahre, ausgetilgt aus seinem Leben, und es war ihm, als sei es erst gestern gewesen, daß er als Bauer hier gearbeitet hatte. So innerlich ruhig und gefaßt war der Wastl lange ... lange nicht mehr gewesen wie in diesen letzten Tagen.
Und die gute Rede des Kramer Veit fiel heute auf einen fruchtbaren Boden. Wohl viel mehr, als es der Fall gewesen wäre, wenn die Vef ihre Absicht hätte zur Ausführung bringen können, mit dem Wastl über ihre Zukunft zu sprechen.
Der Wastl dachte tief und lange darüber nach. Vielleicht hatte der Kramer recht. Wenn er sich trennte von der Vef ... vielleicht rief er dann die Sehnsucht nach ihm in ihr wach. Denn trotz ihrer abweisenden Kälte, trotz der Gleichgültigkeit, die sie für ihre Kinder bis jetzt gehabt hatte ... alle Liebe zu ihnen war doch nicht erstorben. Das hatte der Wastl durch den Tod des kleinen Tonele erfahren.
Und der Wastl dachte und hoffte, daß vielleicht doch noch ein kleiner Rest von der alten Liebe zu ihm in dem Herzen seines Weibes vorhanden sein könnte. Fand sich nur schwer zurecht mit seinem Gedankengang, der Wastl, und war froh, daß der Kramer Veit so wortlos still an seiner Seite saß und ihn mit keinem Wort aus seiner Nachdenklichkeit störte.
Und endlich hub der Wastl zu reden an.