Dann ließ er die Arbeit in der Heimat, zu der er doch immer wieder zurückkehrte, und folgte der Vef von Stadt zu Stadt und von Land zu Land, solange ihm das Geld ausreichte.
Die Glanzzeit des Florian Siegwein und seiner Sängerschar hatte längst ihren Höhepunkt erreicht, und es ging allmählich, aber stetig abwärts mit ihnen. Wohl sangen sie nach wie vor in den großen Sälen der Städte und nur vor gutem Publikum. Aber jene ersten vornehmen Kreise, die sich ehedem für die reisenden Tiroler interessierten, hatten sich langsam zurückgezogen.
Sie erhielten keine Einladungen mehr auf die Schlösser der Fürsten und durften auch nicht mehr vor gekrönten Häuptern singen. Der Florian hatte in den letzten Jahren arges Pech gehabt. Der Simeringer Franz, der vom Anfang an eine Hauptstütze seiner Gesellschaft gewesen war, hatte sich immer mehr dem Trunke ergeben, so daß er schließlich seine Stimme einbüßte und durch eine andere Kraft ersetzt werden mußte.
Nun reiste der Simeringer Franz auf eigene Faust, warb etliche Leute in der Heimat an und verursachte dem Florian Siegwein manchen Verdruß. Denn er war nicht wählerisch, der Simeringer Franz, sang in Weinkneipen und rauchigen Bierlokalen und achtete nicht auf den Ruf seiner Leute.
Das ärgerte den Florian, da oft durch eine Verwechslung seine eigene Truppe in Mißkredit geriet. Mit dem Simeringer Franz zu reisen erschien verlockender wie mit dem Florian Siegwein. Denn der Florian kämpfte tapfer und mit zäher Energie, um seiner Truppe den vornehmen Ruf, den sie einmal besessen hatte, wieder zu erobern.
Es gab viel Zank und Streit, und schließlich trennte sich auch der Tobias Scholl von dem Florian und ging zu dem Simeringer Franz über. Die Zeißler Anna, die auch von allem Anbeginn mit dem Florian reiste, war in der Fremde gestorben. Lungenkrank, stellten die Ärzte fest, die sie monatelang in dem Spital einer Großstadt pflegten. Und einsam und von allen verlassen betteten sie die junge Tirolerin ins fremde Erdreich.
Es war nur noch die Vef übrig von den alten Kräften des Florian Siegwein, und auch ihre sieghaft schöne Stimme hatte nachgelassen und war im Verblassen. Der Lebenswandel, den die Vef führte, war nicht ohne Folgen für ihre Gesundheit geblieben. Das üppig schöne Weib welkte dahin und alterte in wenigen Jahren. Mit allen Mitteln der Kunst erhielt sie sich nun. Sie wußte, daß ihre Schönheit ihr einziger Besitz war.
Die Vef hatte keine Freude über die Anhänglichkeit ihres Gatten. Für sie war die Vergangenheit erloschen, und sie hatte gebrochen mit allem, was ihr einst lieb und teuer gewesen war.
Sie wies den Wastl von sich, hart und schroff. Aber ohne Erfolg. Wie mit Blindheit war der Mann geschlagen. Ahnte nichts von ihrem Lebenswandel und wollte vielleicht auch nichts ahnen. Nach wie vor blieb sie für ihn die Vef, die er einstmals geliebt hatte. Die resche, resolute Frau mit dem guten und keuschen Herzen. Und niemand war, der den Mut gehabt hätte, ihm die Augen zu öffnen. Bis er selbst dahinter kam.
In diesem letzten Winter war die Not an den Wastl herangetreten. Er war nun endgültig fertig mit dem Gelde, das er für sein Gütl in der Gungl erlöst hatte, und mußte knausern und sparen. Noch etliche Wochen würde es ihm reichen, und dann mußte er, wollte er nicht verhungern, sich um einen Verdienst umtun.