Die Arbeit scheute er nicht, der Wastl. Wäre selig gewesen, wenn er nur wieder hätte arbeiten dürfen. Aber arbeiten war gleichbedeutend mit der endgültigen Trennung von seinem Weibe, und diese, das wußte er aus Erfahrung, konnte er auf die Dauer nicht ertragen.

Er hungerte und darbte und schlief in den elenden Schlafstellen der großen Städte, nur um sein Geld zu strecken, und suchte sich dann und wann einen Gelegenheitsverdienst. Aber gut bezahlte Arbeit war nur selten zu finden, und wenn sich der Wastl als Taglöhner gar zu sehr herunterkommen ließ, dann wurde es ihm noch schwerer gemacht wie bisher, sich seiner Frau zu nähern. Das wußte er bestimmt.

Als die Not ganz groß geworden war, da nahm sich der Wastl ein Herz, um mit seinem Weibe zu reden. Fast kam's ihm vor wie damals droben am Alpl, als er um die junge Vef geworben hatte.

Dasselbe wochenlang währende Hangen und Bangen und genau dieselben quälenden Zweifel, ob er ihr doch noch gefallen könnte ... und doch wieder das feste, überzeugte Zutrauen zu ihr. Genau wie in jener fernen Zeit, so redete er auch jetzt sich tagelang zu, ehe er den Mut fand, die Vef zu stellen.

Sie war ja immer ein bissl schroff und zuwider gewesen, die Vef, und war, als sie sich damals dann ausgesprochen hatten, doch eine kreuzbrave Frau geworden. Und dieser gute Kern steckte sicher trotz allem immer noch in ihr. War halt jetzt durch das üppige Leben ein bissl arg verwöhnt und halt auch noch launischer wie ehedem.

So redete sich's der Wastl immer wieder ein. Und wenn die Vef hörte, wie es um ihn stand, wie die alte Liebe zu ihr gleich stark und mächtig in ihm war wie damals am Alpl droben, wie er jetzt sogar hungerte und fror und um sie litt, dann würde das Mitleid für ihn sicher die Oberhand gewinnen. Und weiß Gott, vielleicht ging sie dann doch mit ihm in die Heimat zurück ...

Ein nebliger, naßkalter Wintertag war's, ohne Schnee und mit feinem, rieselndem Regen. Einer jener öden, grauen Tage, die in der Großstadt so trostlos traurig sind. Düster und schwer ist die Luft, und die Straßen sind glitschig vom feinen Regen, der dünn und unablässig niederträufelt.

Das ist das Wetter, wo die Menschen, innerlich erstarrt, sich nach Licht und Sonne und Wärme sehnen. Und alle, die da Frohsinn suchen und Glück, eilen ... Nachtfaltern gleich ... die das Licht umschwärmen, in festlich geschmückte Räume. Sie eilen zu Tanz und Spiel und Konzerten und Theatern und suchen Vergessen vor der inneren Leere ihrer Herzen.

Der Florian Siegwein hatte mit seinen Leuten schon etliche Wochen in der großen Stadt gastiert. Allabendlich sangen die Tiroler, und die Säle waren von Gästen gefüllt wie immer. Und sieghaft schön wie immer stand die Vef vor ihrem Publikum und sang ihre lockenden Lieder. Aber ihre Stimme klang nicht mehr so frisch und so innig, und die blühenden Farben des Gesichts wurden durch Schminke ersetzt.

Der Florian rechnete es sich im geheimen aus, wie lange die Vef wohl noch als Lockvogel zu gebrauchen sein würde. Kaltblütig, ohne Illusion und ohne Mitleid mit ihr. Denn er wußte, daß sie dann arm sein würde und sich kümmerlich durchbringen müßte.