Sie hatte keine Ersparnisse gesammelt, die Vef, hatte im wilden Taumel gelebt und das Geld, das sie verdiente, mit vollen Händen hinausgeschmissen. Daß sie einmal arm und unbrauchbar sein würde, das erfüllte den Florian Siegwein mit einer Art boshafter Genugtuung.

Sie hatte ihm viel zu viel Ärger bereitet, diese Frau, und hatte ihn ihre Macht immer wieder fühlen lassen, so daß alles menschliche Mitgefühl mit ihr einem geheimen Rachedurst gewichen war. Jetzt war sie ihm nur mehr ein Rechenexempel, und mit scharfem Ohr und unnachsichtig scharfem Blick gewahrte der Florian Siegwein alle Mängel ihrer Stimme und ihrer Erscheinung, und insgeheim hielt er Umschau in der Heimat nach einer Nachfolgerin für die Vef.

Der Wastl aber bemerkte keinerlei Veränderung an der Vef. Wenn die Vef sang, so fehlte er nie unter den Zuhörern, und ihre Stimme hatte für ihn nach wie vor den süßen, einschmeichelnden Zauber, den sie stets gehabt hatte. Und gleich begehrenswert erschien ihm das Weib, das seine Schönheit so verführerisch zur Schau zu stellen wußte. Dieser herrliche, blendend weiße Nacken und die volle Büste, ihre stolze, vornehme Haltung, welche der einer Königin gleichkam. Voll und reich war das blonde Haar und drückte das feine, etwas schmal gewordene Gesicht gleich einer schweren Krone.

Dem Wastl gefiel sein Weib mit jedem Abend, an dem er sie sah, immer nur noch besser. Kein Wunder, daß sie so viele Verehrer besaß und daß man sie mit vielen schönen Blumenspenden ehrte. Da war auch nicht eine einzige Frau im Saal, die es der Vef an Schönheit hätte gleichtun können.

Oft spähte der Wastl heimlich im Saal herum. Und musterte mit kritischem Auge die Frauen, die zugegen waren. Aber die Vef ... seine Vef ... war und blieb doch immer die Schönste von allen.

So stolz war der Wastl auf sein Weib! Und wenn am Schluß des Konzertes reicher Beifall die Sänger lohnte, dann raste der Wastl wie toll vor Begeisterung und riß die andern stürmisch mit. Er vergaß, wie sehr er unter dieser Frau zu leiden hatte, vergaß seine Entbehrungen und seine Sehnsucht nach ihr und war nur noch stolz auf sie. Und dieser Stolz erhob ihn über sich und seine Not und machte ihn widerstandsfähig und steigerte nur immer brennender sein Verlangen nach ihr.

Und heute abend, als sie die Vef wieder einmal ganz besonders stürmisch gefeiert hatten, da lauerte der Wastl am Ausgang des Saales, um mit der Vef zu sprechen. So hatte er der Vef oft aufgepaßt, und sie war, je nach ihrer zufälligen Laune, gut oder auch abweisend gegen ihn gewesen.

Anfangs freilich war sie nur hart zu ihm gewesen. Hatte ihn gehen heißen und zornig mit dem Fuß aufgestampft. Als sich aber der Wastl dann doch immer wieder einfand und sich durch gar nichts abschrecken ließ, da siegte die Gutmütigkeit in dem Herzen des Weibes, und sie duldete es, daß er sie nach Hause begleitete und ihr von den Kindern sprach. Und oftmals gab sie ihm auch Geld für die Kinder, aber sie trug kein Verlangen, sie zu sehen oder in die Heimat zurückzukehren.

War die Vef aber übel gelaunt, dann schnappte sie den Wastl ab, resolut und grob, und zankte mit ihm, weil er sie nicht in Ruhe ließ, und der Wastl schlich dann mit eingezogenem Kopfe und schwerem Herzen gedrückt davon, um schon am nächsten Abend sich wieder bei ihr einzufinden.

Sie war nicht gut gelaunt heute, die Vef, als sie den Wastl sah. Im Dunkel der Nacht stand er an der Ausgangstüre, und die Laterne der Straße warf einen schrägen Schein auf das Pflaster. Das Licht spiegelte sich in den Pfützen und zitterte verlöschend auf dem glitschigen Gehsteig.