Er merkte es nicht, wie ihm die Leute scheu auswichen und ihm mißtrauisch nachschauten. Er sah nichts als nur den Schein der beiden Wagenlichter in der Ferne und verfolgte ihn mit Anspannung seiner ganzen Kräfte. Mitten durch das Gewühl der Menschen zwängte er sich und folgte jeder Straßenbiegung, die das Gefährt nahm.

Ließ es nicht aus den Augen ... keine Minute lang ... und sah von ferne, wie der Wagen Halt machte und der fremde Herr mit der Vef unter dem Torbogen eines hohen Hauses verschwand.

Er durfte nicht in das Haus hinein, der Wastl. Sein Klopfen blieb ungehört, und niemand kam, der ihm Auskunft über die Bewohner des Hauses gegeben hätte.

Daß die Vef nicht in diesem Hause wohnte, das wußte der Wastl bestimmt. Denn der Florian Siegwein hatte es bis jetzt immer durchgesetzt, daß die Mitglieder seiner Truppe gemeinsam mit ihm unter einem Dache lebten. »Sein oa Familie ... wir Tiroler ...« pflegte der Florian noch immer zu sagen und wußte es doch genau, daß das alles nur mehr Schein war und das Wort zur Phrase geworden war.

War eine Eifersucht in dem Wastl. Quälend und brennend. Der fremde Herr ... die Vef ... sein Weib ... und war da drinnen in dem düstern, hohen Haus.

Bis zum Erwachen des neuen Tages stand der Wastl auf seinem Posten am Eingang des Hauses. Er fühlte nicht Kälte und Frost und hatte doch die Glieder starr vor Frost. Es tobte und brannte ihm der Kopf ... Daß er an nichts anderes denken konnte, nur immer wieder den einen Gedanken ... die Vef ... da drinnen mit dem fremden Herrn ... Und pack' dich! hatte sie zu ihm gesagt.

Wie langsam die Stunden in dieser Nacht verrannen! Irgendwo schlug eine Kirchturmuhr in der Ferne. Anfangs zählte der Wastl die Schläge mechanisch ... ohne zu denken. Eins ... zwei ... drei ... Dann aber achtete er nicht mehr darauf. Stand nur immer Posten in der Einsamkeit der Nacht.

Menschenleer und verlassen war die Gasse. Mußte ziemlich entfernt sein von dem Innern der Stadt. Er kannte sie nicht, die enge Gasse, und wußte auch nicht, wo er sich befand. Es interessierte ihn auch gar nicht. Nur eines interessierte ihn, und nur eines dachte er ... die Vef.

So düster, wie die Gasse war, und so hoch die Häuser. Hatten dicke graue Mauern und hohe, vergitterte Fenster. Häßlich war's und unlustig, fast zum Fürchten. Der Wastl hätte nicht hier wohnen mögen. War weit schöner und freier gewesen sein Heimatl in der Gungl, und war dort nicht so schwer zum Atmen wie hier, und wenn die Nebel auch noch so dicht und schwer über die Felsenwände herabhingen.

Die Gungl und der Göd und die Kinder ... das Tonele, das gestorben war ... und die Vef ... An alle mußte der Wastl in dieser langen Nacht denken. Gar an alle. Und war ihm, als wären sie bei ihm ... Bis die Gedanken dann wieder wie ein toller Reigen in seinem Kopf herumwirbelten und er an nichts mehr denken konnte als: die Vef ... und da drinnen ... ehrlos ...