Der hatte das wahre Christentum erkannt und ausgeübt. Er und die Notburg ... die schweigsame Frau mit dem tiefen Gemüte. Von ihr hatte der Knabe das Sinnieren gelernt, von ihr das Träumen und auch das gerechte Abwägen der Handlungen anderer Menschen.
Das ganze Tal hatte aus dem Unternehmen des Florian Siegwein Vorteil gezogen. Eine neue Zeit hatte er damit ins Leben gerufen, und nun, da er tot war, sprachen die Menschen übel von ihm.
Sie sprachen von seinem unverantwortlichen Leichtsinn und von seiner wilden Spekulationsgier und von den vielen Schulden, die er hinterlassen hatte, und auch davon, wie dumm und ungeschickt die Regina jetzt wirtschaftete. Und viele gab es unter ihnen, die da schadenfroh es sich an den Fingern abzählten, wie lange die Frau sich wohl noch würde halten können, ehe die Flut des Unheils über sie mit Macht hereinbrechen würde.
Sie alle waren Christen ... fromme, gläubige Christen. Wenn der Ruf der Glocken erscholl, dann eilten sie zur Kirche und falteten die Hände. Und ihre Lippen sprachen Gebete, von denen die Herzen nichts wußten. Sie beichteten und gingen zum Tische des Herrn. Und begingen doch wieder alle jene Sünden, die sie zu unterlassen gelobt hatten. Sie duldeten die lockeren Sitten der Fremden, schlossen die Augen und taten, als bemerkten sie es nicht. Denn sie erkannten den Vorteil, der ihnen durch die Fremden wurde, und waren nur darauf bedacht, ihn auch richtig auszunutzen.
Und der Anderl brütete und dachte nach. Dachte über die Ursachen, weshalb die Fremden den Charakter seines Volkes verdarben.
Der wahre Geist des Christentums fehlte ihnen allen. War nicht eingedrungen in ihre Herzen; denn sie beteten wohl, aber sie lebten nicht nach der Lehre des Herrn. Wohl wetterten und eiferten die Priester in den Kirchen gegen die Fremden. Sie eiferten aber gegen sie, weil es Andersgläubige waren ... Ketzer ... die einem fremden Glauben angehörten. In diesem Glauben sahen sie die Gefahr für das Volk, und die Gefahr lag anderswo und nicht in dem von der Geistlichkeit verurteilten ketzerischen Glauben. Die Gefahr erstand aus dem Innern des Volkes in seiner Gier nach Geld und in der Gier nach Genuß.
Christi Lehre! Wie wenige erkannten sie ... wie wenige verstanden sie.
Und der junge Anderl glaubte nun seinen wahren Beruf entdeckt zu haben. Ein Priester wollte er werden ... ein Priester des Herrn und ein wahrer Diener seines Volkes ...
Einmal sprach Veit Galler, der Kramer, davon, daß er mit dem Anderl das Grab des Florian Siegwein aufsuchen wollte, das so weit und verlassen in fernen Landen lag. Wie einen Sohn hatte Veit Galler den Florl geliebt ... trotz allem Groll, den er oftmals gegen ihn hegte. Und trauerte redlich und aufrichtig um ihn.
Es kam ihn hart an, das Reisen; denn der Kramer Veit war alt und gebrechlich geworden. Und die Notburg machte ängstliche, besorgte Augen. Der Veit aber wußte sie zu trösten.