Die reisenden Tiroler Sänger waren nach dem Tode des Florian Siegwein nach allen Windrichtungen hin zerstreut worden. Eine Zeit hindurch leitete zwar die Vef die kleine Truppe, aber sie verstand diese Sache genau so schlecht, wie die Regina die Führung daheim loshatte.
Kein halbes Jahr dauerte die Herrlichkeit, und die ganze Truppe hatte sich aufgelöst. Und neue Gesellschaften schossen auf wie Pilze im Wald. Reisten mit Erfolg und auch ohne Erfolg, aber jene Höhe des Ansehens, die der Florian Siegwein einmal errungen hatte, war niemandem mehr von ihnen beschieden.
Mit der Vef aber ging es von dieser Zeit an immer mehr abwärts. Jenem tollen Sinnestaumel, dem sie sich hingegeben hatte, folgte der Ekel und Abscheu der Übersättigten. Sie war unfroh und unglückselig geworden und verfluchte sich und ihr ganzes Leben.
Und jetzt nach dem Tode des Florian Siegwein trat die Sorge um ihre Zukunft immer drohender an sie heran. Eine Zeit, nachdem die Gesellschaft, die sie zu führen versucht hatte, in Brüche gegangen war, lebte die Vef ganz nach ihrem Geschmack. Und fühlte sich frei und aller Fesseln ledig. Bis der Überdruß begann und die Not dräuend vor ihr stand.
Da sank sie zur Dirne herab, liebte ohne innere Neigung und ließ sich erhalten. Sie wechselte die Männer wie die Kleider, halb aus ungezähmter Sinnenlust und teilweise aus Berechnung. Bis sie erkannte, daß diese Art von Leben sie vollends an den Abgrund bringen würde. Da machte die Vef eine innere Wandlung durch. Raffte den letzten Rest ihres besseren Menschen mit einem Anflug ihrer alten Energie zusammen und versuchte es noch einmal, ein anderer Mensch zu werden.
Aber es war zu spät für sie geworden. An Seele und Leib war das Weib gebrochen, und ihre weiche, volle Stimme, die so edel geklungen hatte wie Metall, war rauh und hart geworden. Mit Mühe und Not konnte die Vef noch eine Stellung als Sängerin erreichen.
Der Simeringer Franz nahm sie halb aus Mitleid in seine Truppe auf. Schließlich hatte die Vef ja einmal einen großen Ruf besessen und konnte mit ihrem Namen noch als Lockvogel gelten. Das Publikum, vor dem sie nun in minderen Lokalen zu singen hatte, gröhlte ihr freudig zu und überschüttete sie mit Beifall. Und lächelnd dankte die Frau und litt doch schwer unter ihrem gedemütigten Stolz.
Eine welke, früh gealterte Frau war die Vef geworden und trug den Keim eines schweren Siechtums in sich. Sie wußte und fühlte es genau, wie es um sie bestellt war, und sehnte in manchen bangen Stunden den Erlöser Tod herbei. Aber der Tod kommt nicht, wenn er als Erlöser dienen soll. Läßt sich Zeit denn sein Opfer ist ihm sicher.
Der Glaube, in dem die Vef aufgewachsen war, verbot den Selbstmord. Und inmitten ihres Unglücks hatte die Frau diesen Glauben nicht vergessen und war wieder gläubig geworden. Sie fürchtete sich vor dem, was nach dem Tode kommen würde, und ertrug ein Leben, das ihr mit jedem Tage nur zur vermehrten Qual wurde.
Von stolzer Höhe war sie herabgesunken, mußte froh sein, daß man sie vor einem anmaßenden, frechen Publikum singen ließ, mußte lachen und scherzen und schamlose Witze erdulden. Und heiß brannte ihr der Kopf, und der Rest eines Stolzes, der ihr immer noch geblieben war, empörte sich in ihr. Ganz war sie denn doch noch nicht zur Dirne geworden. Hatte noch Scham in sich trotz allem.