Die Reue kam ... die Reue über ihr verfehltes Leben, das sie allein verschuldet hatte. Wie anders ... ganz anders hätte es doch für sie kommen können! Nur nicht daran denken ... nicht an das Vergangene denken! Nicht an die Heimat und nicht an ihr stilles Glück in der Gungl ... das einmal so jauchzend groß und so rein gewesen war ... nicht an den Wastl, ihren Gatten, und nicht an die Kinder.

Die Kinder ... ihre blonden Buben ... Jetzt nach den langen Jahren einer selbstgewollten Trennung überkam sie oft eine brennende Sehnsucht nach ihren Kindern und auch nach dem Wastl.

Nie mehr wieder war er ihr nach jener Züchtigung in den Weg getreten. Aber die Vef hatte gehört, daß er ein Säufer geworden war und arg verkommen sei.

Eine Verworfene war sie geworden ... ausgestoßen von allem, was ihr einstmals heilig war, und mußte tot sein für die Ihren.

Der Göd ... der Alte in der Gungl ... der kam ihr in einsamen Stunden auch öfters in den Sinn ... Was der wohl sagen würde ... wenn er sie jetzt so sehen könnte? Hatte große Stücke auf sie gehalten, der Göd ... Warum sie wohl in letzter Zeit so häufig an den Alten denken mußte? Und auch an das Tonele, ihr kleines, verlassenes Töchterchen, das so früh hatte sterben müssen! ... Müssen? ... Dürfen! ... Die Vef wäre froh gewesen, wenn sie an Stelle ihres Kindes zu tiefst unter der Erde hätte liegen dürfen ...

Auch die Schminke vermochte den raschen Verfall ihrer körperlichen Schönheit nicht mehr zu verdecken. Hohläugig war sie nun geworden, und ihr strahlendes, sonniges Lachen war für immer geschwunden. Dickes, aufdringliches Rot milderte die fahle Blässe ihrer eingefallenen Wangen, und um den vollen, sinnlichen Mund, der so glühheiß und versengend zu küssen verstanden hatte, gruben sich tiefe Falten des Leides ein.

In diesen Zeiten innerer Wandlung tat die Vef etwas, das sie lange ... endlos lange nicht mehr getan hatte. Sie suchte die Kirchen auf und murmelte Gebete. Sie besann sich auf die Gebete ihrer Jugend ... allein sie waren ihrem Gedächtnis entschwunden. Nur immer ein paar Sätze von jedem wußte sie, und an viele erinnerte sie sich überhaupt nicht mehr. Das war qualvoll und ließ keine Andacht in ihr aufkommen.

Sie besuchte die Gottesdienste ... ohne inneren Trost. Denn sie lauschte nicht den Worten des Predigers, sondern suchte in den Gesichtern des Volkes. Sie suchte nach den Spuren, die das Leben in den Gesichtern eingegraben hatte. Und verstand zu lesen. Sah viel Leid ... endloses Leid ... und sah hinter manchem andächtigen Gesicht das Laster lauern. Sah Heuchelei und Geiz und Lieblosigkeit, aber wenig Frömmigkeit.

Und angewidert verließ die Frau die überfüllten Kirchen der Städte. Sie konnten ihr keinen Trost geben, konnten ihr die Gebete ihrer Jugend nicht wiederbringen. Es war alles hohl ... öde ... und liebeleer in dem fremden, flachen Land.

Je kränker sich die Frau fühlte, desto mehr überkam sie die brennende Sehnsucht nach ihrer Heimat. Nur wieder einmal die Berge sehen ... ihre Berge ... Es kam ihr vor, als könnte die frische Bergluft alles Üble von ihr fortfegen. Als könnte sie wieder rein werden in der geheiligten Luft.