So wollte sie nicht ins Heimatstal zurück. So viel Stolz besaß sie. Man sollte sie dort nicht sehen in ihrer Schande. Ihr Land war groß und beschränkte sich nicht allein auf ihre engere Heimat. Überall ragten die gleichen Berge, überall war dieselbe herzerfrischende Alpenluft. Dorthin wollte sie gehen, wo sie unerkannt leben konnte, und wollte trachten, sich noch einmal Arbeit zu verschaffen.

Einen letzten Rest von goldenem Geschmeide besaß die Vef noch. Geschenke aus ihren besten Zeiten, da man sie mit Schmuck überhäuft hatte. Gab eine stattliche Summe ab, als sie es verkaufte. Und deckte vollauf die Reisekosten, und blieb noch was übrig, daß sie wohl eine geraume Zeit davon leben konnte. Wenn sie recht sparsam war, wohl auch ein Jahr.

Da konnte sie's schon wagen, dem Simeringer Franz zu kündigen, ehe er sie vor die Türe setzte. Denn daß er dies über kurz oder lang doch tun würde, das wußte die Vef genau.

Er war ein grober Patron, der Franz, und ohne jedes Zartgefühl. Etliche Male hatte er ihr in seinem Rausch die Kündigung schon angedroht; denn er ärgerte sich, daß die Vef alt geworden war und seinem Publikum nicht mehr recht gefallen wollte. So war's ihm denn recht, daß die Vef ihn verließ, und er kümmerte sich nicht weiter um ihr Schicksal. Sollte halt schauen, wie sie sich weiter durchbrachte, die alte Vettel!

Und sie brachte sich durch. Schlecht und recht. In Innsbruck, der Hauptstadt ihres Landes, hatte sie sich niedergelassen mit allen guten Vorsätzen. Wollte ehrliche Arbeit suchen, die Frau ... aber wer gibt einem kranken Weibe Verdienst? Und das Rackern und Schuften, wie sie es in ihrer Jugend gekannt hatte, das hatte sie auch gründlich verlernt. Wäre auch zu schwach gewesen dazu, um als Taglöhnerin zu dienen.

Etwas war ihr ja noch geblieben. Ihre Zither. Und mit dieser zog die Vef von Schenke zu Schenke und spielte auf. Sang Lieder dazu ... mit rauher, hohler Stimme, halbe Nächte lang, und verdiente sich auf diese Weise ihren Unterhalt.

Man warf ihr Geldstücke auf den Teller, wenn sie von Tisch zu Tisch absammeln ging, machte schlechte Witze und wurde oft auch dreist. Denn dieses Publikum bestand zumeist aus derben Männern. Taglöhner und Dienstmänner, die ihren Spaß haben wollten. Waren gutmütige Leute, die ihr auch etwas vergönnten und sie nicht schalten wie jene harten Menschen der Großstädte, weil sie alt und reizlos für sie geworden war.

Diese hier waren wohl derbe Männer, aber ohne Laster, und freigebig zahlten sie der Frau oft Wein und Schnaps oder Käse und Bier. Und die Vef nahm es, dankte, lächelte ihr fahles Lächeln und spielte und sang. Abend für Abend.

Bis ihr einmal der Wastl, ihr Gatte, wieder in den Weg kam.

Hatte ein recht unstetes Leben geführt, der Wastl, in all diesen Jahren. War daheim gewesen und hatte sich irgendwo als Knecht verdingt. Hielt aber nicht lange aus daheim. Mußte wieder trinken ... sein Elend zu vergessen suchen. Aber Trunkenbolde können die Bauern nicht gebrauchen.