Und dann sang sie Lieder ... Lieder, die sie in der Heimat schon gesungen hatte. Dem Wastl war es, als seien die Jahre seit damals verschwunden ... als überbrückte die Gegenwart alles Böse der Vergangenheit.

Wie in einem Traum saß er da, trank nichts und sprach nichts und lauschte nur. Schloß die Augen und ließ die Stimme seiner Frau auf sich wirken.

Er hörte es wohl, daß der Schmelz dieser Stimme geschwunden war, und trotzdem übte sie auf ihn doch die gleiche Zauberkraft aus wie damals, als sie so seltsam berückend, süß und innig erklungen hatte. Und so sehr war der Wastl diesem Zauber verfallen, daß er es gar nicht bemerkte, wie die Vef mit ihrem Lied zu Ende war. Saß da und schloß die Augen und träumte im Wachen.

»Du ...« Sein Kamerad, der ihm zur Seite saß, stieß ihn unsanft mit dem Ellenbogen in die Rippen. »Zum schlafen hab' i di weiter nit mit da einer g'nommen. Geh' halt hoam, wann's dir nit g'fallt!« fügte er geärgert hinzu.

Er war ein älterer Mann, derb und ungeschlacht in seinem Äußeren und von gedrungener Gestalt. Der rötliche Bart stand ihm wirr im Gesicht, und buschige rotblonde Brauen verdeckten zum großen Teil die dunkeln Augen. Seit einiger Zeit arbeiteten sie gemeinsam in einer Zimmermannswerkstätte und wußten nur wenig voneinander. Vertrugen sich gut, waren aber keine Freunde.

Jedenfalls ahnte der Mann nicht, daß die Sängerin die Frau des Wastl war. Sie nannten sich beide nur bei den Vornamen und kannten gegenseitig nicht einmal ihre Familiennamen. Daß der Wastl, den der Mann in seiner Gutmütigkeit aufgefordert hatte, mit hierher zu kommen, jetzt gar zu schlafen anfing, das ärgerte ihn ganz gewaltig, und er schämte sich für ihn.

Der Wastl schrak bei den Worten des Mannes jäh zusammen. Und starrte hinüber zu der Fensternische, aber das Lied war verklungen, und die Vef war aufgestanden und schritt nun langsam, den Teller in ihren Händen haltend, von Tisch zu Tisch.

Sie mußte nun gleich in seiner Nähe sein. Schon war sie am Nebentische, und der Wastl hörte das Klingen der Münzen auf dem Teller und hörte, wie sie mit gedämpfter Stimme sich für die Gaben bedankte. Und sein Herz klopfte laut, und seine Schläfen hämmerten.

Jetzt ... jetzt mußte sie hinter ihm stehen ... er fühlte es förmlich, wie sie hinter ihm stand ... glaubte den Hauch ihres Atems zu spüren ... Ob sie ihn wohl erkannte ... ob sie sich noch vor ihm grauste ... wie damals ...

Und abermals weckte ihn sein Nachbar aus dem aufgeregten Gedankengang, indem er ihn unwillig anstieß.