»Und ist dir von Herzen leid ... alles, was du Übles begangen ... alles ...«
»Ja.« Schwere Tränen fielen über die abgehärmten Wangen der Frau. »Alles.«
Und der Priester sprach die Worte des Verzeihens. Segnete die Frau und sprach sie im Namen Gottes von aller Schuld ledig.
»Hast nit noch einen Wunsch, Vef?«
Kaum merklich schüttelte die Frau ihren Kopf. »Nix mehr ...« sagte sie leise. »Bin nur mehr müd. Todmüd ...« und schloß die Augen wie zum Schlafe und hatte dabei ein friedlich seliges Lächeln.
»Nix mehr.«
»Und deine Buben ... Vef ...?«
Da schreckte das Weib zusammen. »Will sie nit sehen, Anderl!« sagte sie mit einem Anflug ihrer alten Energie. »Nit sehen. 's ist hart ... aber doch besser so ...« fügte sie leise und stockend hinzu. Und Andreas Siegwein, der Priester, achtete diesen letzten Wunsch der sterbenden Frau. Und blieb bei ihr, bis es zum letzten kam.
Und seine Nähe war ihr ein Trost und machte den Tod leicht. Denn noch einmal durchlebte die Vef in diesen allerletzten Tagen ihres Erdendaseins das, was das Schönste in ihrem Leben gewesen war. Noch einmal war sie der Heimat nahe, hörte von allen, die sie gekannt und lieb gehabt hatte, und fühlte sich wieder als die Vef vom Perlmoserhof, die sie damals gewesen war.
Sie hörte von ihren Buben, daß sie hochgewachsene, stämmige junge Männer geworden seien, die ein Heim gefunden hatten beim Kramer Veit. Und noch ein letztes Mal erstand die Heimat in ihrer ganzen einsamen und stolzen Pracht vor der sterbenden Frau. Der Perlmoserhof in dem kleinen, waldumkränzten Hochtal und hoch droben das Alpl mit seiner herrlichen Fernsicht auf die Bergspitzen und Gletscher im Hintergrund. Und dann die Gungl und das kleine halbverfallene Hüttl vom alten Göd.